Was ein Kurzfilm ist? Manchmal ist leichter zu sagen, was etwas nicht ist, als zu definieren, was es ist. Fragt man Sven Schwarz, den organisatorischen Leiter des Internationalen Kurzfilmfests Hamburg (IKFF), was das denn eigentlich sei, ein Kurzfilm, dann sagt er sehr bestimmt: "Wir sind nicht daran interessiert, kurze Langfilme zu zeigen. Arbeiten, bei denen deutlich ist, dass die Filmschaffenden sie nur als Visitenkarte für ihren ersten abendfüllenden Film nutzen. Die finden wir nicht sonderlich spannend." Und seine Kollegin Birgit Glombitza, die die künstlerische Leitung verantwortet, pflichtet bei: "Nicht, dass wir kein Erzählkino mögen! Aber es muss schon deutlich werden, dass die Filmemacher mit der kurzen Form wirklich arbeiten."

Ein Kurzfilm hält also nicht einfach nur eine Lauflänge von 30 Minuten ein. Er ist eine ganz eigene Ausdrucksform des Kinos. Er muss auf den Punkt kommen, denn er hat keine Zeit. Vielleicht so: Eine schwarze Leinwand. Dann Fußspuren, von Damenschuhen und Hundepfoten. Plötzlich der Abdruck einer Hundenase. Mehr Spuren, die schmalen Abdrücke von Fahrradreifen und eines Gehwagens. Langsam dämmert dem Zuschauer, dass hier quasi von unten erzählt wird; die kurze und einfache Geschichte ist wie durch einen Glasboden gefilmt. Ein großes Gewusel und Gerenne setzt ein. Großartig unterhaltsam ist das. Zu sehen im Animationsfilm Dame mit Hund, der dieses Jahr im Deutschen Wettbewerb läuft und das Kino in drei kurzen Minuten buchstäblich auf den Kopf stellt.

Niemand wird widersprechen, wenn man behauptet, dass der Kurzfilm ein Nischendasein führt. Trotz einer kleinen Renaissance, für die das Internet sorgt. Aber eine Nische hat auch ihre Vorteile. Hier können Erzählformen dekonstruiert und neu zusammengesetzt werden, hier durchdringen sich Doku, Experiment und Fiktion, hier wuchert kreative Energie ins Imaginär-Uferlose und unterwandert die zeitliche Begrenzung. Verschnürt und zu rund 90-minütigen Programmen verpackt, laden Kurzfilme vor allem auf Festivals das Bewusstsein mit ihrem Bilderfieber auf.  

Der Kurzfilm führt ein Nischendasein

"Die andere Seite des Kinos" nennt Birgit Glombitza diese ganz eigene Kunstform. Das Internationale Kurzfilmfest Hamburg stößt seit 30 Jahren die Türen zu diesem Universum weit auf. In der Szene gilt es schon lange als feste Größe. "Weltweit sind wir in der Konkurrenz der Festivals irgendwo zwischen Top Five und Top Ten angesiedelt", meint Glombitza.

Nicht schlecht für ein Festival, das 1985 aus einem Filmabend im kommunalen Kino Metropolis entstand. Dort wurden Kurzfilme gezeigt, die in der Hamburger Subkultur mit minimalem finanziellen Aufwand entstanden waren. Noch heute gehört ein No-Budget-Wettbewerb zum Festival; er geht auf diesen Nukleus zurück. Mit den Jahren professionalisierte sich die Veranstaltung, wurde international, knüpfte feste Bande zu Künstlern, Produzenten und Verleihern.

Seit 1988 unterstützt die Hamburger Kulturbehörde das IKFF, wenn auch, wie Sven Schwarz sagt, "mit  einem Bruchteil des Budgets, mit dem ein Langfilmfestival ausgestattet ist. Wenn ein Sponsor abspringt, ist das für uns eine Katastrophe". 1992 ging aus dem Festival die Kurzfilmagentur hervor, die sich ganzjährig um die Verbreitung des Kurzfilms kümmert.