Frage: Wie bist du nach Hamburg gekommen und wo kommst du her?

Deuflhard: Aufgewachsen bin ich in Stuttgart. Bevor ich nach Hamburg zog, lebte ich seit 1986  in Berlin. Deshalb fühle ich mich auch eher als Berlinerin und weniger als Stuttgarterin – obwohl ich nach wie vor ein bisschen schwäbele.

Frage: Wie war deine persönliche und berufliche Entwicklung in Berlin, bevor du nach Hamburg kamst?

Deuflhard: Ich habe in Berlin als freie Produzentin gearbeitet und dort auch meine vier Kinder bekommen. 2000 habe ich die Sophiensaele übernommen, die 1996 von Sasha Waltz und Jochen Sandig gegründet worden waren. Sie waren ein Produktionsort für junge experimentelle Darstellende Künste. Von dort realisierte ich zudem sehr viele Projekte für den Öffentlichen Raum. Wenn ich eine Stadtkartografie über Berlin legen würde, gäbe es kaum Bezirke, in denen ich keine Projekte gemacht habe.

Frage: Welches Projekt hat dich besonders geprägt?

Deuflhard: Von den Sophiensaelen ausgehend habe ich den damals dekonstruierten Palast der Republik bespielt. Das hat mich viele Jahre meines Lebens gekostet, denn da reinzukommen war eigentlich fast unmöglich. Es war eine riesenkomplizierte Geschichte, da der Palast von Regierungsseite definitiv nicht mehr geöffnet werden sollte. Es ging um die Abwicklung der DDR-Architektur im Herzen Berlins.

Frage: Welche Frage stand bei dieser Debatte um den Volkspalast vor allem im Fokus?

Deuflhard: Der Palast stand ja mitten in der Stadt und die Hauptfrage war: Was will eigentlich eine heutige Stadt im Zentrum haben? Gleichzeitig war der Palast der letzte Punkt, wo die Ost-West-Debatte kulminiert ist. Berlin, also unsere Regierung, hat es geschafft, die denkbar schlechteste Entscheidung zu treffen: nämlich das Stadtschloss wieder aufzubauen. Das ist eigentlich ein wirklich guter Grund, Berlin großräumig zu umschiffen.

Frage: Welche Themen wurden in der Bespielung aufgegriffen?

Deuflhard: Unsere Vorgabe war lediglich, dass man sich mit dem Palast der Republik auseinandersetzt: mit dem Raum, mit seiner Geschichte, mit seiner Aura und der puren Architektur. Alle Projekte wurden neu entwickelt. Es waren alle Disziplinen vertreten, so wie ich es auch noch heute auf Kampnagel in Hamburg handhabe: Theater, Tanz, Musik, Bildende Kunst. Es gab einen großen Architektur-Kongress mit Rem Koolhaas und massenhaft bedeutenden Architekten, in dem es um die Zukunft der Mitte ging. Wir fluteten das nach der Asbestsanierung komplett skelettierten Gebäude mit Wasser. Es war eine große, spektakuläre aber auch nachdenkliche Bespielung über mehrere Monate im Jahr 2004 und eine zweite im Jahr 2005.

Frage: Im Anschluss an den Palast der Republik wurdest du Künstlerische Leiterin von Kampnagel in Hamburg. Wie hast du durch deinen Erfahrungsschatz die Hamburger Kulturszene verändert?

Deuflhard: Als ich den Palast bespielte, hatte ich eigentlich den Traum, keinen konkreten Ort, sondern eine ganze Stadt als Theater zu bespielen. Ich wollte mit Künstlern rausgehen und Orte im ganzen Stadtraum künstlerisch besetzen. Um das zu verwirklichen, habe ich mit Kampnagel das dafür am wenigsten geeignete Theater übernommen. Kampnagel hält einen mit der Bespielung der fünf Hallen schon ziemlich in Atem. Was ich aber mitgenommen habe, ist das Interesse an künstlerischen Arbeiten im öffentlichen Raum. Ich interessiere mich für die Städte, in denen ich arbeite, als Untersuchungsfeld – sowohl für politische Problemlagen als auch für städtebauliche Entwicklungen. Damit hängt auch zusammen, dass wir in den letzten Jahren Projekte im Gängeviertel, an der Hafentreppe oder auch in der Hafencity, in Wilhelmsburg oder am Hauptbahnhof gemacht haben. Besonders interessant ist es für uns, Aktionen dort zu starten, wo bestimmte Entwicklungen stattfinden. Bei der Hafencity, die ja häufig kritisiert wird, habe ich von Anfang an gesagt, dass ich zu deren Entwicklung gerne künstlerisch etwas beitrage. Allerdings eher im Sinne einer kritischen als glamourösen Bespielung.

Frage: Am Repertoiretheater interpretieren Schauspieler meist vorgeschriebene Rollen. Auf Kampnagel bringen freie Theatergruppen wie die Geheimagentur, Rimini Protokoll oder Hajusom auch sogenannte Experten des Alltags auf die Bühne.