"In der berüchtigten Hafenstraße stehen ein paar bunt bemalte Häuser, die in den 1980er Jahren für fast bürgerkriegsähnliche Zustände im Viertel sorgten. Es ist heute schick hier zu wohnen, und die Mieten sind entsprechend gestiegen. Amüsement statt Protest." So, kurz und knapp, fasst der Dumont-Reiseführer über Hamburg die moderne Geschichte der Straße zusammen. Einer, der beides miterlebt hat – erst die "bürgerkriegsähnlichen Zustände", jetzt die "schicke Zeit" –, ist Claus Petersen.   

Petersen war 29 Jahre alt, als er 1976 vom Hamburger Stadtrand nach St. Pauli gezogen war, in die Hafenstraße, mit Blick auf Trockendocks und Containerschiffe. Heute ist er 66 und wohnt immer noch hier. Er sitzt in seiner Küche, trinkt Tee und redet von früher, von der Geschichte der Hafenstraße – und vom "Scheiße schippen".      

Als Student wollte Petersen dort wohnen, wo was los war. Mitten im Geschehen. Und dieses lag für ihn in der Hafenstraße. Viele der von der Saga verwalteten Wohnungen standen damals leer. Nicht selten hatten Leute die leeren Räume auf dem Kiez für ihre Notdurft besucht – "Scheiße schippen ging einer Wohnungsbesetzung immer voraus", berichtet Claus Petersen heute.

Vorerst allerdings war er gar kein Besetzer. Er wohnte ganz offiziell in einer 100 Quadratmeter großen ehemaligen Kapitänswohnung, gemeinsam mit vier, fünf Sozialpädagogen aus dem Ruhrpott. Sie wurde verwaltet von der Sozialpädagogischen Forschungsanstalt, die fünf Wohnungen in der Hafenstraße nutzen durfte.  

Anfang der Achtziger dann verdichteten sich die Anzeichen, dass der Senat für die Hafenstraße eine neue Bebauung plante. Die acht sanierungsbedürftigen Gründerzeithäuser sollten verschwinden. Neubauten mit bis zu 22 Geschossen waren vorgesehen. "Die wollten hier eine repräsentative Perlenkette bauen und die Bebauung auf unserem Grund sollte der Klunker dieser Kette werden", sagt Claus Petersen.

Einer der Interessenten für die neuen Gebäude: der Verlag Gruner + Jahr. Kein Verständnis dafür hatte die Anwohnerinitiative GWA St. Pauli. Sie beschwerte sich beim Betriebsrat des Medienhauses, weil sie die Lebendigkeit des Viertels gefährdet sah. Kurz darauf erledigte sich das Problem, da Gruner + Jahr eine Baugenehmigung für das heutige Firmengelände am Baumwall erhielt. 

Petersen empfand den Konflikt um das Verlagshaus als eine Art Initialzündung. Er wohnte mittlerweile allein in der Kapitänswohnung, die restliche WG war aufs Land gezogen. "Nicht denken, saufen!" Das war die gängige Parole unter den verbliebenen Hausbewohnern, alteingesessene, zähe St. Paulianer wie Oma Jäger und Onkel Otto. Nach Onkel Otto wurde später sogar eine Kneipe in der Bernhard-Nocht-Straße benannt. Petersen aber hörte nicht auf sie: Er begann zu denken. Hatte er sich einige Jahre zuvor noch gegen eine Besetzung ausgesprochen, so war das jetzt für ihn die einzige Lösung, um Bauherren und Investoren zu stoppen. Um die alte Hafenstraße zu erhalten.

Nur wenige Wochen später waren die Häuser voll bewohnt. Vorangetrieben durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Schon bald stand "Besetzt – Ein Wohnhaus ist kein Abrisshaus!" auf einem Transparent an der Hausfassade. "Aufmachen den Laden, rein und sehen was kommt", das sei das Motto der Besetzer gewesen, sagt Petersen. Man habe intuitiv gehandelt. Viele der neuen Hafenstraßenbewohner seien jung gewesen und zu Hause rausgeflogen, erzählt er.         

Petersen forderte die Saga auf, neue Nutzungsverträge abzuschließen. Vergeblich. Das stadteigene Wohnungsunternehmen ließ die "unklaren" Mietverhältnisse allerdings zunächst zu. Grund: die 1982 kurz bevorstehende Bürgerschaftswahl. Der amtierende Bürgermeister Klaus von Dohnanyi befürchtete bei einer Räumung Stimmenverluste.