ZEIT ONLINE: Gereon, Du schreibst seit etwa sieben Jahren unter dem Pseudonym Hans E. Platte einen Newsletter, um deinen Plattenladen im Hamburger Karoviertel zu bewerben. Was ist daran denn Literatur?

Gereon Klug: Ist er es? Das müssen letztlich andere beantworten. Ich kann nur sagen: Am Anfang war es ein ganz normaler Hallo-Leute-wir-haben-neue-Platten-Newsletter. Im Laufe der Jahre ist der aber immer freier, immer verrückter geworden. Ich wollte nicht weiter die immer gleichen Sentenzen gebrauchen, warum eine Schallplatte empfehlenswert ist oder nicht und etwas in wenigen Sätzen abhandeln, wofür andere zwei, drei Jahre viel Herzblut geopfert haben. Also hab ich irgendwas geschrieben. Am Ende sage ich dann: Nun zu etwas ganz anderem — und erwähne kurz unsere neuen Platten.

ZEIT ONLINE: Hat es Dich überrascht, angeboten zu bekommen, daraus ein Buch zu machen?

Klug: Zuerst habe ich gedacht: Was für eine beknackte Idee. Einerseits fühlte ich mich natürlich geehrt, andererseits hielt ich es für nicht tragbar. Ich bin ein ganz normaler Bildungsbürgerzögling und dachte, zwischen Buchdeckel gehört bestimmt nicht das, was ich da so wöchentlich raussemmel. Aber Till Tolkemitt, mein Verleger, hat mich davon überzeugt, dass das durchaus Sinn macht. Und so ist dann "Low Fidelity" entstanden. 

ZEIT ONLINE: Gibt es denn irgendetwas, was die Mails verbindet?

Klug: Ja, zweifellos. Ein Humor, der sich an der Beschissenheit der Welt und den Zumutungen der Moderne abarbeitet. Wir sind umzingelt von schlimmen Sachen, sexuell, religiös, optisch, ästhetisch, politisch. Natürlich finde ich auch Nonsens toll, aber manchmal braucht es dahinter auch non-Nonsens, einen Sinn, den eventuell nur die ebenso Leidenden kapieren.

ZEIT ONLINE: Bevor Du deinen Laden Hanseplatte eröffnet hast, warst Du Tourmanager des Komiker-Trios Studio Braun. Hat Dir das geholfen, einen Abonnentenkreis aufzubauen?

Klug: Ich hab bei Veranstaltungen von Studio Braun fleißig Flyer ausgelegt, auf denen stand "bitte eintragen". Ich hab aber auch illegalerweise eine Menge Leute reingeklatscht, von denen ich wusste, dass sie irgendwo Meinungsmacher sind. Ansonsten hat sich der Verteiler nach und nach durch Onlinebestellungen gefüllt und auf ganz Deutschland erweitert. 

ZEIT ONLINE: Heute erreichen Deine Mails 30.000 Empfänger. Wie verhinderst Du, dass sie im Papierkorb landen?

Klug: Schwierig zu sagen. Wahrscheinlich braucht man den Moment, in dem die Leute kurz reinschauen und dann denken: Huch, was ist das denn für ein irres Zeugs. Man muss immer über die Grenzen hinaus. Mich hat Marketing schon immer interessiert. Besonders Antimarketing und Anti-Antimarketing. Ich mag den Schwurbel, die psychedelische Schraube, die rasche Überraschung.