Gibt es nicht mehr: Die Esso-Häuser und die Esso-Tankstelle am Hamburger Spielbudenplatz. © dpa

Wo früher das Herz von St. Pauli war, klafft heute eine Wunde. Die Sichtschutzwand aus Pressspanplatten verdeckt es kaum: Die Esso-Häuser am Spielbudenplatz sind in dem Erdboden gleichgemacht worden. Und mit ihnen die Kieztanke, der Pornoladen "Sexy Heaven" und die Kneipe "Das Herz von St. Pauli".

Wenig erinnert heute noch an den Plattenbau in der Architektur der frühen sechziger Jahre. Nur vom "Molotow"-Club klebt noch ein Krümel am benachbarten "Panoptikum", etwas Bauschutt mit rot gestrichener Fassade.

Die Esso-Häuser waren ein Stück altes St. Pauli, rau, schäbig und unprätentiös, und als solches über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Doch in den letzten zehn Jahren wurden sie zunehmend von Neubauten aus Glas und Stahl eingekreist, im Süden vom Brauereiquartier, im Norden von den Vattenfall-Bühnen, im Osten von den Tanzenden Türmen – markante Symbole des Umbaus St. Paulis vom Schmuddelviertel zum Investorenparadies. Als die Bayerische Hausbau GmbH 2009 die Esso-Häuser kaufte und ihre Abrisspläne verkündete, begann ein jahrelanger hitziger Streit, bei dem es um nicht weniger ging als um die Zukunft von St. Pauli.

Ein zugespitzter Konflikt mit klar verteilten Rollen

Die Esso-Häuser waren aber nicht nur ein symbolischer Ort, sondern Lebens- und Geschäftsgrundlage ihrer Mieter. Einige von ihnen kommen im neuen Dokumentarfilm Buy Buy St. Pauli zu Wort. Es sind Migranten und Rentner, Künstler und Studenten – Menschen, die sich an der Reeperbahn eine Heimat geschaffen haben zwischen Raufasertapeten, FC-St.-Pauli-Wimpeln und Seefahrer-Tinnef.

Zu Filmbeginn geben sich die Bewohner noch kämpferisch, so wie Evi Madejski, die mit ihrem kleinen Enkel zusammenlebt. Sie ist Ende 60 und die Tätowierungen auf ihren Armen stammen aus einer Zeit, als Tattoos für Frauen bestimmt noch nicht schicklich waren. In einer der ersten Einstellungen von Buy Buy St. Pauli sitzt sie in ihrer Wohnung und redet vom Protest gegen den geplanten Abriss. Steine schmeißen werde sie in ihrem Alter wohl nicht mehr, aber besetzen? Beim Besetzen wäre sie dabei. "Ob das ein gutes Vorbild für den Lütten ist, weiß ich nicht", sagt sie, "aber ich glaub schon".

Buy Buy St. Pauli zeigt den zugespitzten Konflikt mit klar verteilten Rollen – und wirkt dabei manchmal fast spielfilmartig. Da ist Evi Madejski als Großmütterchen aus einfachen Verhältnissen. Da ist, als ihr Gegenspieler, der Investorensprecher Bernhard Taubenberger, ein kahlköpfiger Bayer in Schlips und Kragen, dem als letztes Accessoire nur noch die Zigarre zwischen den Fingern fehlt. Und da ist Bezirksamtschef Andy Grote, der den überforderten Bürokraten gibt. Als Sozialdemokrat ist er besorgt um "Eingriffe in die Stadtteilstruktur" durch Investoren. Doch als Jurist ist er ein Freund von reibungslosen Abläufen, bei denen die aufgebrachten Bürger mit ihrem unscharfen Verständnis von Besitz und Eigentum nur stören.

Wäre das Fiktion, man würde es müde belächeln: Norddeutscher Sozialkitsch, Bert Brecht meets Ohnsorg Theater, also doppelt oll. Doch Buy Buy St. Pauli ist keine Fiktion, sondern ein Blick auf die Realität vor unserer Haustür.