Geschichte ist der zeitgenössischen Clubkultur eher wesensfremd. Geschichte klingt nostalgisch, irgendwie alt, gar erwachsen. Party dagegen ist: jetzt. In diesem Moment. Für diesen Moment vor allem. Bis auf einige Selfies vom Absturz und den Kater danach ist nicht nur das Feiervolk rings um den Hamburger Kiez schließlich schon dann strikt geschichtsvergessen, wenn die Party nur Stunden vorbei ist. Jahrzehnte haben da wenig Bedeutung. Doch daran will Robert Hager arbeiten.

Hier, genau hier, der Clubbetreiber breitet seine Arme aus, "standen früher Wannen", eine Menge davon. Genug jedenfalls, um die Bewohner des heruntergekommenen Arbeiterviertels St. Pauli vorm letzten Krieg und noch eine Weile später zu reinigen. Und unter der öffentlichen Badeanstalt ohne Pool, Robert Hager feuert sein lautestes Lachen durch den Vollbart, "war früher das Hippodrom". Eine Manege also – vor knapp hundert Jahren der heißeste Budenzauber im Amüsierviertel. Pferde, Akrobaten, Musik, Bier, Schnaps, Seeleute, Seemannsbräute, nicht nur nachts um halb eins. Es war die Hochphase der Großen Freiheit, besungen von Hans Albers, beschallt von einem kleinen Balkon, auf dem die Kapelle saß, wenn tief darunter falsche Cowgirls im Kreise ritten.

So viel Geschichte steckt am Clubstandort Hamburg nur hier, im Gruenspan. Gleich neben dem Indra, wo die Beatles fern der Heimat ihr Debüt gaben. "Gegeben haben sollen", korrigiert Robert Hager und nennt zwei, drei andere Bühnen der näheren Umgebung, die den Durchbruch der Fab Four ebenso für sich reklamieren. Auch sein Grünspan zählt zu den Bewerbern. Natürlich. Wieder lacht er durch den mächtigen Kuppelsaal seines Konzerthauses. "Hier haben sie allerdings wohl doch nur geschlafen."

Aber egal. Die Sache mit den Beatles ist eine dieser zahllosen Geschichten vom "Tanz und Vergnügungssalon", als der das Gruenspan 1889 erbaut wurde. Man kann an einigen zweifeln oder nicht – besser ist, man lauscht einfach staunend den fabelhaften Anekdoten, über die der zugezogene Bayer Hager selbst so oft gestaunt hat, seit er das älteste Etablissement seiner Art in Deutschland, so heißt es, 2009 übernommen hat.

Übers Kino zum Beispiel, das dem Jugendstilgebäude die ganze Weimarer Republik hindurch kosmopolitischen Glamour verlieh. Übers biedere Paartanzambiente, das ihn nach dem Badehausintermezzo Anfang der Sechziger provinziell trübte. Über den türkischen Nusshändler, der daraus gemeinsam mit einem deutschen Zahnarzt 1968 das Gruenspan machte. Über die erste Diskothek weit und breit, wo echte Discjockeys auflegten wie jener Taxifahrer, der Hager mal bei einer Fahrt erzählte, dass er vom Eröffnungsabend an zehn Jahre jedes Wochenende am Plattenteller stand. Und natürlich über jene Frau von 91 Jahren, die unlängst bei einer Hausführung ergriffen berichtete, wie sie als junges Ding hier gebadet habe.

Dass ihr dabei ein Gefühl von Wehmut durchs alte Herz wehte, daran ist Robert Hager nicht ganz unschuldig. Seit er den Laden vor fünf Jahren übernahm, erlangt Hamburgs traditionsreichster Club Stück für Stück sein Gedächtnis wieder. Während unter dem blinden Kirchenglas des früheren Oberlichts bis zu 900 Besucher feierten, wurde die schimmelige Haut vom Klinker geschlagen. Finanziert mit einem Darlehen von rund 500.000 Euro. So begann bald das backsteinrote Herz des Gruenspan zu pulsieren.