Jürgen Zimmerer hat eine große Aufgabe vor sich: Er soll Hamburgern dabei helfen, sich an einen dunklen Teil ihrer Stadtgeschichte zu erinnern. An ihre koloniale Vergangenheit. Ein historisches Kapitel, das zwar an allen Ecken hervorlugt, bisher aber nur halbherzig angegangen wurde. Das soll sich ändern.

Im Juli dieses Jahres hat der Senat beschlossen, Hamburgs koloniale Verstrickungen zukünftig verstärkt aufzuarbeiten. Und die ersten Schritte hierfür unternimmt nun Jürgen Zimmerer. Der Geschichtsprofessor baut an der Universität Hamburg gerade die Forschungsstelle Hamburgs post-koloniales Erbe. Hamburg und die frühe Globalisierung auf. 

Einer der ersten Schritte: Zimmerer ist mit einer Hamburger Delegation nach Tansania gereist. In ein Land, das von 1888 bis 1916 formal Deutsch-Ostafrika hieß. Eines von mehreren deutschen Kolonialgebieten auf afrikanischem Boden. Ziel der Reise war es, sich bei dem Forschungsvorhaben von Anfang an mit afrikanischen Historikern auszutauschen.  

Ein Hamburger als Südseekönig

In Dar Es-Salam, der größten Stadt, hat sich Zimmerer mit Kollegen der dortigen Universität getroffen. Unter anderem vereinbarten sie einen Austausch: Ab Frühjahr soll ein tansanischer Stipendiat in der Hansestadt und ein deutscher in Dar Es-Salam forschen. Das solle helfen, zukünftig stärker miteinander statt übereinander zu sprechen, sagt Zimmerer, der seit wenigen Tagen zurück ist von der Reise.

Mit Hamburg stellt sich zum ersten Mal eine deutsche Stadt offiziell seinem eigenen, ganz speziellen kolonialen Erbe. Eine Vorreiterrolle, zu der die Stadt historisch fast schon verpflichtet ist: Als große Hafenstadt war sie über 500 Jahre eng mit einer kolonialen Welt verbunden. Die Hanseaten gehören zu den Gewinnern der deutschen Kolonialgeschichte, die volkswirtschaftlich eher als ein Verlustgeschäft zu sehen ist.  

Um sich auf die Spuren dieser Zeit zu begeben, muss der Geschichtsprofessor seinen Arbeitsplatz im Philosophenturm der Uni Hamburg kaum verlassen: Es reicht, wenn er wenige Hundert Meter in Richtung Dammtorbahnhof geht. Auf der Moorweide, die er dabei passiert, eröffnete der damalige Leiter der Oberschulbehörde Werner von Melle im März 1908 das Hamburgische Kolonialinstitut. Eine Einrichtung, die dazu dienen sollte, Personal, das in den deutschen Kolonien arbeiten sollte, auszubilden. Ein Vorläufer der Uni Hamburg, die erst einige Zeit später entstand.  

In Afrika, Asien und Südamerika — Hamburger Kaufleute machten damals in nahezu allen deutschen und europäischen Kolonien Geschäfte. Die Hansestadt entwickelte sich im 19. Jahrhundert zum größten europäischen Zentrum für die Verarbeitung von Palmöl und Kautschuk. Die Reichardtwerke verarbeiteten mit 4.000 Mitarbeitern in Wandsbek drei Prozent der weltweiten Kakaoernte. Das Unternehmen Jantzen&Thormählen unterhielt auf 13.000 Hektar in Kamerun das größte Plantagengebiet Westafrikas. Und Johan C. Godeffroy erarbeitete sich als Reeder und Palmölproduzent den Namen Südseekönig. Nur einige Beispiele, die verdeutlichen, wie sehr Hamburg von den Kolonien profitiert hat.