Heimspiel: Die Hamburger Rockband Frumpy mit Sängerin Inga Rumpf 1970 in der Ernst-Merck-Halle © Michael Laukeninks

Wenn es um Coolness geht, gelten Eltern gemeinhin als Antithese, zumindest für Jugendliche. Was Eltern so machen, ja selbst was sie vor Urzeiten gemacht haben, als sie auch mal jung waren, ist per se Spießerkrams. Punkt. So weit die Regel. Kommen wir also zur Ausnahme. Ich war ungefähr zwölf, also klein genug, um die Worte meines Vaters vorbehaltlos für bare Münze zu nehmen, aber groß genug, um darauf keinen Pfifferling mehr zu geben, als er mir von etwas erzählte, das mich vor Ehrfurcht niederknien ließ: Papa habe, sagte er mit kaum sichtbar stolzem Grinsen zur vorbild-funktional ernsten Miene, einen Konzertsaal zerlegt.

Wahnsinn! 

Regeln brechen, Stühle werfen, Fäuste schwingen, selbst gegen die angerückte Polizei, fuhr er fort. Das volle Randaleprogramm. Ein gewisser Bill Haley war 1958 nach Hamburg gereist, um aufzuführen, was meines Vaters Eltern als Ausgeburt der Hölle galt: Rock 'n' Roll. Und weil dieser Satanist zeitgenössischer Jugendkultur die Massen anzog wie der Antichrist sündiges Fleisch, gab es seinerzeit nur einen Ort, der ihm gerecht werden konnte: Die Ernst-Merck-Halle. Benannt nach einem Pfeffersack mit sozialer Ader, der seiner Heimatstadt aus den sprudelnden Handelsquellen des väterlichen Unternehmens 100 Jahre zuvor an nahezu gleicher Stelle einen Zoo geschenkt hatte und auch sonst allerlei gönnerhafte Gaben.

Konzertabbruch, Massenschlägerei, Mobiliardemolierung

Am Dammtor war das, dort wo später die Parkanlage Planten un Blomen entstand, eine ruhige Ecke seinerzeit, blumenumrankt, verkehrsarm, ländlich. Die verschnörkelt schöne Halle aus der Kaiserzeit, in der schon damals – wenngleich ohne E-Gitarren – Konzerte erklangen, wurde zwar im Krieg zerstört, doch ziemlich rasch als Zweckbau im Stil der Fünfziger wieder aufgebaut. Nun also stand mein Vater mittendrin und das Schicksal nahm seinen Lauf. Da Saalordner den Ordnungsbegriff an jenem Oktobertag ungleich enger auslegten als heute, verboten sie der aufgeheizten Menge, nein – nicht zu randalieren: zu tanzen!  

Die folgerichtigen Tumulte vom "Rock’n’Roll-Wahnsinn befallener Jugendlicher", wie die ZEIT damals indigniert schrieb, führten erst zum Abbruch, dann zur Massenschlägerei nebst Mobiliardemolierung. Konsequenz: 20.000 Mark Sachschaden und eine Absage von Elvis Presleys. Außerdem ein legendäres Gebot von realsatirischem Ernst: Das Gestühl, stand fortan auf der Ticketrückseite, sei "nur als Sitzplatz zu verwenden". Für Schäden aus "anderweitiger Benutzung", habe der Besucher aufzukommen.

So war das damals, im größten Saal weit und breit. 6.000 Leute passten hinein, pro Quadratmeter einer, und noch viel mehr davor. Wo die St. Petersburger Straße heute das massive Verkehrsaufkommen an den mächtigen Messehallen vorbei zum Fernsehturm führt, durchschnitt damals ein besserer Feldweg das bewaldete Naherholungsgebiet. Rein äußerlich dürfte die betonklobige Kastenkonstruktion der neuen Ernst-Merck-Halle vor 60 Jahren daher nicht nur in den Augen erwachsener Besitzstandswahrer eine Anmaßung gewesen sein. Doch die aufblühende Jugend atmete auf: Endlich genug Platz für Superstars, der bis dato selbst im angrenzenden St. Pauli knapp war. Endlich ein Ort kollektiven Austobens!

Also wurde getobt. Und wie.

Wo Bundespräsident Heuß 1953 in aller Würde die weltwichtige IGA eröffnet hatte, sorgte "schon ein Louis Armstrong für erste Randale", erzählt Messesprecher Karsten Broockmann lachend aus einer Chronik, die demnächst erscheint. Ausschreitungen beim betulichen Jazz-Onkel – das ging ja gut los … Und es ging so weiter.