Was haben Schmerz, Hunger, Sex und zehn Euro gemeinsam? Sie gehören zu dem, was selbst bleibt, wenn nur noch wenig da ist. Und zu dem Wenigen, das es braucht, um sich neu zu erfinden.

Es sind Themen, die Fynn Steiner und Joachim Franz Büchner besingen. Die beiden jungen Männer mit zeitlosen Kurzhaarfrisuren und schmalen Armen in Secondhandjacken kennen sich mit ihnen bestens aus. Sie trafen sich, als sie nach einigen Jahren Umtriebigkeit in Hamburgs kreativer Subkultur vor der Entscheidung standen, ob sie es wirklich ernst meinen mit einem Leben für die Kunst – egal, ob sie sich blamieren oder pleitegehen würden.

Die Antwort: ein entschlossenes Ja und eine gemeinsame Band. Ihr Name: Der Bürgermeister der Nacht. Der Bürgermeister, ein Ausdruck der Selbstermächtigung; die Nacht, das natürliche Milieu des Künstlers. Denn nachts, wenn die Konturen unscharf werden, lassen sich die Konventionen sprengen und das Neue schöpfen – oder immerhin mit dem Barjob ein paar Zehneuroscheine verdienen, weil die eigentliche Berufung, die Kunst, den Künstler nicht ernährt.

Das Debütalbum des Bürgermeisters, In Champagnerlaune, versammelt zwölf energische Popsongs. Den Dadaismus von Palais Schaumburg oder den Avantgarde-Punk von The Fall als Vorbild brechen die Stücke ständig aus: Mit schrägen Akkorden wird auf Keyboard und Gitarre eingedroschen, Disco-Beats schweifen entrückt ab, die Hooklines reiben sich am widerspenstigen Gesang. Paybackzeit in der Opiumhöhle handelt von den "nackten Gefühlen" Schmerz, Hunger und Sex, 10 Euro ist eine Hymne auf den neuen roten Geldschein.

"Solidarisch, aber solitär"

Büchner, Komponist und Multiinstrumentalist, hat die Platte gemeinsam mit Pascal Fuhlbrügge produziert. Fuhlbrügge, auf dessen Label Hand11 In Champagnerlaune auch erscheint, war mit der Band Kolossale Jugend und als Mitgründer des L'Age-d'Or-Labels einer der zentralen Akteure in dem Umfeld, das als Hamburger Schule bekannt wurde – eine Prägung, zäher als Kaugummi.

Seither hat Musik aus Hamburg die Eigenart, dass sie nie für sich, sondern sogleich stellvertretend für eine ganze Generation zu stehen hat. So ist es derzeit wieder bei Bands wie Zucker, Trümmer oder Schnipo Schranke; allesamt aus demselben Dunstkreis wie auch der Bürgermeister. Tatsächlich tauscht man sich aus, spielt gemeinsame Konzerte und Pola Schulten von Zucker singt auf In Champagnerlaune mit. Es sei, so Büchner, "solidarisch, aber solitär". Man teile die Strukturen, inhaltlich aber beeinflusse man sich kaum.

Letztlich ist diese Hamburger Eigenart, Musikschaffende unter einer Identität zusammenzufassen, einfach zu erklären: die Musikszene gleicht einem Dorfplatz. Eine Band zu machen, heißt hier nicht nur, Musik zu spielen, sondern eben auch, in die Kneipe zu gehen. Es ist verlockend, aus diesen regelmäßigen Zusammenkünften am Tresen auch stilistische Gemeinsamkeiten abzuleiten.