Eine junge Familie flieht nach Deutschland. Die beiden Söhne gehen zur Schule, machen Sport, sprechen norddeutschen Slang. Und trotzdem werden sie und ihre Eltern nur geduldet. Ihr Asylantrag: abgelehnt. Knapp 13 Jahre später werden sie frühmorgens von Polizisten geweckt, die sie abschieben wollen. Der Beginn einer Katastrophe.

Die Mutter schneidet sich die Pulsadern auf und muss ins Krankenhaus, der Vater landet in Untersuchungshaft, der jüngere Sohn bleibt bei ihnen. Nur der ältere, Wadim, 18 Jahre alt, muss nach Lettland, in ein ihm fremdes Land. Fünf Jahre irrt er umher, kehrt immer wieder illegal nach Hamburg zurück. Dann kann er nicht mehr: Er legt sich vor eine S-Bahn und stirbt.

Das ist die tragische Geschichte, die der Film Wadim erzählt. Die Autoren Carsten Rau und Hauke Wendler rekonstruieren das Schicksal des jungen Flüchtlings, indem sie mit Angehörigen, Freunden und Lehrern sprechen. Eine Doku, die 2011 erstmals in Kinos und auf Festivals lief und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Nun, fast fünf Jahre später, zeigt das NDR Fernsehen abermals die 45-minütige Fassung dieses Films, die Tod nach Abschiebung heißt. 

Es ist keine gewöhnliche Wiederholung. Sie fällt in eine Zeit, in der noch mehr Flüchtlinge in Deutschland Asylanträge stellen als in den Neunzigern, als Wadims Familie nach Hamburg kam. Und in eine Zeit, in der immer mehr Flüchtlinge zurück in ihre Herkunftsländer reisen – manchmal freiwillig, oft zwangsweise. Ende November galten in Hamburg über 5.000 Asylbewerber als ausreisepflichtig. Vor wenigen Tagen erst hat Bürgermeister Olaf Scholz angekündigt, dass am Flughafen Räume geschaffen werden sollen, in denen Flüchtlinge vor ihrer Abschiebung in Gewahrsam genommen werden sollen.

ZEIT ONLINE hat mit Hauke Wendler, einem der beiden Regisseure, über Fragen gesprochen, die Wadims Tod heute aufwirft. Warum wird der Film ausgerechnet jetzt nochmals ausgestrahlt?

Hauke Wendler: Weil wir momentan viel darüber sprechen, wie Flüchtlinge bei uns integriert werden können, dabei aber oft vergessen, dass bereits massiv abgeschoben wird. Viele Politiker wollen der Bevölkerung offensichtlich jetzt vermitteln, dass sie etwas tun. Sie wollen zeigen, dass sie alle nach Hause schicken, die hier nichts verloren haben und präsentieren Zahlen zu den Abschiebungen.

ZEIT ONLINE: Und welches Zeichen setzt ihr Film in diesem Moment?

Wendler: Dass hinter den Zahlen Menschen stehen und wir jeden Einzelfall sehr genau prüfen müssen. So aufwendig das auch sein mag – und so überlastet die Behörden, die dafür zuständig sind, auch sein mögen. Ich akzeptiere die Tatsache, dass ein Rechtsstaat sich gewisse enge Grenzen setzt, an denen er entscheidet, abzuschieben. Aber die Menschenrechte müssen dabei gewahrt bleiben. Schicksale wie das von Wadim dürfen sich nicht wiederholen.

Nach seiner Abschiebung irrte Wadim als Illegaler durch Europa. Eine seiner Stationen: Paris © PIER 53 Filmproduktion

ZEIT ONLINE: Die Geschichte Wadims beginnt Anfang der Neunziger. Lässt sie sich dann überhaupt noch auf heute übertragen?

Wendler: Es hat sich natürlich viel verändert. Das enorme zivilgesellschaftliche Engagement stellt eine Zäsur im Umgang mit Notleidenden dar. Das ist einmalig. Die Politik in Deutschland hat es aber verpasst, diese positive Stimmung zu nutzen, um grundsätzlich über das Asylrecht zu diskutieren und neue gesetzliche Grundlagen für Einwanderung zu entwickeln. Was Abschiebungen angeht, nähern wir uns jetzt wieder den Neunzigern an.

ZEIT ONLINE: Wie genau meinen Sie das?

Wendler: Wie bei Wadims Familie tauchen bei Flüchtlingen jetzt wieder mitten in der Nacht Polizisten auf, um sie abzuholen. Unangekündigt. Eine wahnsinnig dramatische Situation. Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die anderen Bewohner der Unterkünfte und die vielen ehrenamtlichen Helfer. Es schafft ein sehr belastendes, permanentes Gefühl von Unsicherheit.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, warum geschehen Abschiebungen oft nachts?

Wendler: Man versucht, keine Bilder an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, die zeigen, wie eine Abschiebung konkret umgesetzt wird. Das ist natürlich bequemer, weil ja auch viele Deutsche ohnehin schon verstört sind durch die komplizierte Situation. Unser Film soll dazu führen, dass wir beim Thema Abschiebung genau hinschauen.