Die Guten, sie klingen manchmal fast nach den weniger Guten, auch wenn sie es gewiss viel besser meinen. "Flüchtlinge", sagt zum Beispiel Juwan Abdulaziz, der vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland floh, "haben Pflichten, nicht nur Rechte." Auch wenn der Elektrotechniker mit Wohnsitz Mainz damit auf die Ereignisse von der Kölner Domplatte anspricht, ist das natürlich weniger radikal als Frauke Petry, die Menschen wie ihm am Grenzzaun ja eher mit Waffengewalt begegnen lassen würde, als über Rechte oder Pflichten aufzuklären.

Umso bemerkenswerter klingt so ein selbstkritischer Satz eines unfreiwillig Immigrierten, der mehr will als Schutz und Asyl. Das ist die Tonlage, auf der ersten International Conference of Refugees & Migrants, die an einem strahlenden Winterwochenende Betroffene dessen in Hamburg versammelt, was nicht nur die AfD bedrohlich "Krise" nennt.

Krise?

"Ich nenne es Chance", sagt Juwan in fließendem Deutsch und meint keinesfalls nur das europaweite Treffen von Aktivisten und Aktivitätsadressaten, Eingeborenen und Geflüchteten – wie Flüchtlinge neuerdings heißen, seit die Sprache zum Kriegsschauplatz in einer hitzigen Debatte wird. Einer Debatte, zu der sehr viele beitragen: Politiker und solche, die sie hassen. Medien und solche, die sie Lügenpresse nennen, Ehrenamtliche und solche, die sie als Gutmenschen verachten. 

Wer ist Geflüchteter, wer Flüchtlingshelfer?

Nur eine Gruppe nimmt selten teil, und es ist keine kleine Gruppe, was für deren Gegner Teil des Problem ist: Flüchtlinge, im Vorjahr eine Million, 2016 kaum weniger. Eine Gruppe, die bei aller innerer Unterschiedlichkeit eines vereint: Sie ist meist sprachlos. Bis zum vergangenen Freitag, als nordöstlich der Alster die Flüchtlingskonferenz in den Kampnagel-Hallen begann.

Aktivist Juwan (Mitte, mit Brille) ist dem syrischen Bürgerkrieg entkommen und studiert jetzt in Darmstadt. © Jan Freitag

Wo ansonsten gesamtgesellschaftlich ausgegrenztes Off-, Performance- und Tanztheater Asyl genießt, füllt sich die alte Hamburger Maschinenfabrik mit Menschen aus einem Dutzend europäischer Staaten. Gemeinsam führten sie drei Tage lang ein Stück namens "Selbstbehauptung" auf. Es gibt Workshops, Kunst und Podiumsgespräche, Kino, Reden und Happenings zu Fluchtursachen, -erfahrungen und -folgen, zu Befindlichkeiten, Rechtsfragen. Konferenzstandards eben auf einer Konferenz, die sich allen Standards entzieht.

Es beginnt schon beim Querschnitt der Anwesenden. Wer ist Geflüchteter, wer Flüchtlingshelfer? Rings um den Marktplatz im Empfangssaal voll wegweisender Pappschilder morgen- wie abendländischer Schriftsprachen herrscht ein dauerndes Gewusel von Menschen aus (fast) aller Welt, die man besser nicht optisch zuzuordnen versucht. Etwa Juwan, Typ Hipster mit Bart und passender Brille, der gleichsam als Bildungsbürger und Asylbewerber durchginge, was schon deshalb nicht verwundert, weil er ja beides ist, wie er im Kreis einiger Landsleute beim Singen mit Trommel erzählt.

Der neue Teil seiner Existenz studiert in Darmstadt, der alte ist dem Bürgerkrieg entkommen, gemeinsam leiten beide auf Kampnagel ein Seminar mit dem Titel Syrians against sexism, was Frauke Petry, deren Wahlplakate in einer Jurte auf dem Vorplatz künstlerisch verfremdet werden, wohl schwer irritieren dürfte. Wutbürger, Rassisten und die AfD sortieren diese Art Mensch schließlich in nur zwei Kategorien, die sich eigentlich ausschließen: Opfer und Täter.