Palais Schaumburg, Konzertplakat, 1982 © Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

"Niemand legte Wert auf Hi-Fi-Sound, es war wichtig, schnell hörbar zu machen, was in den Kellern und Übungsräumen entstand": So beschreibt Musikproduzent Alfred Hilsberg die Stimmung unter den Hamburger Kreativen in den späten Siebzigern. Eine Stimmung, aus der über die Jahre ein Hamburg-Sound entstand, der zahlreiche prägende Pop-Platten hervorbrachte. Einiges davon ist bis heute populär. Dies sind die zehn wichtigsten Alben.

Abwärts: "Amok Koma" (1980), Zickzack

"Wir kriegen sie alle ... Knacks ... Wir kriegen sie alle ... Knacks": In der Endlos-Auslaufrille droht Horst Herold der RAF mit dem Tod. Den deutschen Herbst noch in den Knochen, das Wettrüsten vor den Augen, Nölgesang, Stakkato-Gitarre, stumpfer Beat, Störgeräusche aus dem Synthesizer: Das erste Abwärts-Album klingt so finster, wie sich Deutschland im Jahr 1980 anfühlte. Und war prägend für den frühen NDW-Sound aus Hamburg. Computerstaat von der allersten Abwärts-Single (in der CD-Version von Amok Koma als Bonustrack enthalten) treibt noch heute die Jungpunks auf die Tanzfläche

Palais Schaumburg: "Palais Schaumburg" (1981). Phonogram

Rumpeliger Zwölfton-Funk mit Songtiteln wie Morgen wird der Wald gefegt oder Grünes Winkelkanu: Was Holger Hiller, Timo Blunck, Thomas Fehlmann und Ralf Hertwig Anfang der Achtziger zusammenschraubten, war wegweisend, weil es nicht wirklich zusammenpasste. Eine Hamburger Band, die nach New Yorker Avantgarde klingt – wären da nicht die sehr deutschen Kinder-Dada-Texte von Hiller: "Ich glaub, ich bin ein Telefon / Romantisches kleines Telefon." Auch stilmäßig waren Palais Schaumburg mit ihrem Poppertum ganz weit vorne – ein Gegenpol zur Punk-Gothic-Zotteligkeit der frühen Achtziger.

Die Doraus und die Marinas: "Tulpen und Narzissen" (1981), Ata Tak

Ein geschniegelter Hanseboy, der mit fröhlichem Elektro-Wave-Pop und unschuldigem Augenaufschlag in Abgründe blickt. Als eine Art alptraumhafte Version von Heintje gab Andreas Dorau mit gerade mal 17 Jahren dieses erstaunliche Debüt. "Ich sitz hier im Keller / Und hab nur die Blumen" singt Dorau auf Tulpen und Narzissen. Okay, Fred vom Jupiter – das Dorau mit gerade Mal 15 schrieb und mit seinen Mitschülerinnen (Die Marinas) einstudierte, kann man auch hassen – etwa dafür, dass es den Weg bahnte für unzählige NDW-Hits, die nicht so schlau-bescheuert waren wie Dorau. Sondern einfach bloß doof. 

Kolossale Jugend: "Heile, Heile, Boches" (1989) L’age D’or

Nach Abflauen der Neuen Deutschen Welle klangen viele deutsche Bands langweilig-international. Dann kam Kristof Schreuf, geschult als Frontmann einer AC/DC-Coverband. Der Kolossale-Jugend-Sänger machte mit seiner inbrünstig gekrähten Kunstsprache etwas Neues: Deutsch singen, ohne nach Heimat, Schlager oder NDW zu klingen. Der Text ist meine Party, erklärte Schreuf. Mit diesem borstigen, hypnotischen Album kam die Hamburger Schule in die Welt – fast zehn Jahre lang lag das Zentrum deutscher Pop-Avantgarde an der Elbe.

Blumfeld: "L’Etat Et Moi" (1994), Zickzack

Für die taz war er einfach "Gott", für die Spex wahrscheinlich deutlich mehr: Mit Blumfeld-Sänger Jochen Distelmeyer kamen Deleuze, Sonic Youth und Burroughs in den deutschsprachigen Pop. Mit ihrem zweiten Album machte das Hamburger Trio das Feuilleton endgültig verrückt – seit Blumfeld ist Pop in Deutschlands Traditionsmedien satisfaktionsfähiges Kulturgut. Nerdmusik? Sound für einsame Philosophiestudenten? Auf keinen Fall. Bei keiner Band knutschten so viele Pärchen auf den Konzerten wie bei Blumfeld.