Knapp zehn Monate nach Kriegsende beginnt am 1. März 1946 in Hamburg ein erster Kriegsverbrecherprozess. Die britische Militärjustiz stützt sich dabei auf einen königlichen Erlass, den Royal Warrant vom 14. Juni 1945. Gerichtsort ist das Curiohaus an der Rothenbaumchaussee, dessen großer Saal von den Bombenangriffen weitgehend verschont geblieben ist.

Von den mehr als 250 Kriegsverbrecherprozessen in der britischen Besatzungszone finden 190 in dem Hamburger Haus der Lehrergewerkschaft statt, schreibt die Juristin Katrin Hassel. Der Archivar der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Reimer Möller, sagt: "Das Hamburger Curiohaus ist das Nürnberg der britischen Besatzungszone." In den Nürnberger Prozessen hatte ein alliiertes Militärgericht die obersten Nazi-Führer abgeurteilt.

Das Gericht in Hamburg verhandelt vor allem über Verbrechen von SS-Leuten in den Konzentrationslagern Neuengamme und Ravensbrück. Den Auftakt bildet am 1. März aber ein Prozess gegen den Unternehmer Bruno Tesch, dessen Prokuristen Karl Weinbacher und den technischen Mitarbeiter Joachim Drosihn. Die Firma Tesch & Stabenow stellte das Gift Zyklon B her, mit dem die Nazis in Auschwitz rund eine Million Menschen vergasten.

37 Todesurteile in den Neuengamme-Prozessen

In Hamburg wurde das Gift vor allem zur Begasung von Schiffsladeräumen gebraucht, wie Möller erklärt. Tesch belieferte aber auch die Wehrmacht und die SS, zunächst zur Bekämpfung von Ungeziefer. Dann kam die SS auf die Idee, mit dem Blausäure-Gift Menschen zu töten. Tesch & Stabenow produzierte zwischen 1942 und 1944 große Mengen von Zyklon B für Auschwitz.

Unter den Opfern der Gaskammern seien auch zahlreiche Bürger alliierter Staaten gewesen und die Firmenchefs hätten gewusst, dass ihr Gift zur Ermordung von Menschen eingesetzt wurde, stellt das Militärgericht 1946 fest. Es verurteilt Tesch und Weinbacher am 8. März zum Tode, während Drosihn freigesprochen wird.

Nur zehn Tage später beginnt der Hauptprozess gegen 14 SS-Männer aus dem KZ-Neuengamme, darunter Kommandant Max Pauly. Nach 39 Verhandlungstagen werden Pauly und zehn weitere Angeklagte ebenfalls zum Tode verurteilt und wenige Monate später hingerichtet. Es folgen weitere 34 Verfahren gegen Kommandanten und Wachmannschaften des KZs Neuengamme und seiner zahlreichen Außenlager. Das Gericht verhängt nach Angaben von Möllers Kollegin Alyn Beßmann allein in den Neuengamme-Prozessen 37 Todesurteile, von denen später sechs in Haftstrafen umgewandelt werden.