ZEIT ONLINE: Herr Tabbert, fühlen sich Prostituierte nicht veräppelt, wenn man sie auf der Straße anspricht und darum bittet, mit einem Ölpastellstift ein rotes Herz zu malen?

Tankred Tabbert: Nein, eigentlich nicht. Ich habe keine repräsentative Studie durchgeführt, aber diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, waren sehr zugewandt. Nicht so trotzig und abgebrüht, wie es mir vorher andere Männer erzählt hatten.

ZEIT ONLINE: Aber Sie sind doch auch abgeblitzt, oder?

Tabbert: Klar, aber von zwanzig haben zwölf mitgemacht. Manche haben mich allerdings auch gleich weitergewunken. Die haben sofort erkannt, dass ich kein Freier bin. Mein großer Vorteil war, dass ich abends unterwegs war, so zwischen acht und elf, da kamen noch nicht so viele Kunden. Ich war eine nette Abwechslung. Ich glaube, als Künstler galt ich für sie anfangs ein bisschen als Clown.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie den Sexarbeiterinnen denn erklärt, warum Sie sich ein Herz von ihnen wünschen?

Tabbert: Ich habe gesagt, dass ich mich für sie als Menschen interessiere. Dass es mir nicht um ihr Fleisch, sondern um ihre Persönlichkeit geht. Ich verfolge einen humanistischen Ansatz mit meiner Kunst. Kennen Sie Santiago Sierra?

Tankred Tabbert, 48, ist Künstler und lehrt an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. © Tankred Tabbert

ZEIT ONLINE: Schon mal gehört.

Tabbert: Ein spanischer Konzeptkünstler, der auch mal mit Prostituierten gearbeitet hat, mit heroinabhängigen. Er hat ihnen einen Schuss bezahlt und sie dafür in eine Reihe gesetzt und eine Linie auf den Rücken tätowiert. Dieser Ansatz unterscheidet sich stark von meinem. Mir geht es um die einzelnen Personen. Ich habe gespürt, dass die Frauen ein Bedürfnis haben, als Mensch gesehen zu werden. Manche waren echt gerührt, als sie das begriffen. Sie fanden es toll, dass jemand mit ihnen und nicht nur über sie spricht.

ZEIT ONLINE: Für Ihren Ausstellungskatalog hat sogar Undine de Rivière, Domina und Sprecherin des Berufsverbands für Sexarbeit, einen Essay geschrieben. Wie ist es dazu gekommen?

Tabbert: Ich habe während meiner Arbeit Kontakt zu ihr aufgenommen und sie hat mir viel über das neue Prostitutionsgesetz erzählt. Das hat meine Perspektive erweitert. Anfangs ging es mir nur um die Menschen hinter der sozialen Rolle. Nach und nach habe ich mich aber auch mit ihren Arbeitsbedingungen beschäftigt und dann Undine de Rivière gebeten, einen Text für meinen Katalog zu schreiben.

ZEIT ONLINE: Das neue Gesetz sieht unter anderem vor, dass Prostituierte Kondome benutzen und sich offiziell registrieren lassen müssen. Undine de Rivière und andere Sexarbeiterinnen sind dagegen. Sie auch?

Tabbert: Ja, zumindest soweit ich es nachvollziehen kann. Ich glaube, dass eine verstärkte Kontrolle nicht notwendig zu besseren Bedingungen führt. Sie könnte sogar das Gegenteil zur Folge haben. Zu dieser Erkenntnis bin ich gekommen, als ich erfahren habe, dass sich kaum ein Politiker mit den Prostituierten unterhält. Kaum jemand geht so ahnungslos zu ihnen, wie ich es als Künstler getan habe.