Die Idee klingt, als wäre sie einem Abenteuerroman für Kinder entsprungen: Ein schwimmendes Kino, Theater, Klassenzimmer. Mitten auf dem Wasser. Mit Hängematte und Sonnendeck. Und jeder kann mitmachen. Das ist die Idee einer Gruppe junger Kreativer aus Wilhelmsburg: Sie haben sich zum Verein für mobile Machenschaften zusammengeschlossen und wollen ein Floß bauen. "Schaluppe" soll es heißen und, auch wenn der Name anderes vermuten lässt, mehr sein als ein schlichter, kleiner Kutter. "Wir schaffen einen Freiraum für Kunst und Kultur", verspricht Sprecherin Sanne Neumuth. "Wir brauchen das Floß, denn in Wilhelmsburg herrscht kultureller Notstand."

Die 34-Jährige steht in ihrer Wohnküche im schönen Reiherstiegviertel und füllt Sektgläser auf. Es gibt Grund zum Feiern: 15.000 Euro hat der Verein für den Schaluppe-Bau via Crowdfunding gesammelt. Damit steht das Grundgerüst, insgesamt 30.000 Euro braucht der Verein, um all seine Ideen umzusetzen: Ein fast 100 Quadratmeter großes Oberdeck etwa, eine Rutsche und eine Bar sind geplant. Ab Juli will der Verein bereits Kneipenabende und "regionale Kreuzfahrten" anbieten, alles auf Spendenbasis. Danach steht die Schaluppe auch anderen Vereinen offen.

"Die Reaktionen im Stadtteil waren nur positiv, viele freiwillige Helfer unterstützen uns. Das zeigt, wie groß der Bedarf nach kulturellen Flächen ist", sagt Neumuth. Wilhelmsburg ist der größte Stadtteil Hamburgs, trotzdem gibt es auf der Elbinsel weder Kino noch Theater. Die Klage über den "kulturellen Notstand" ist auch knapp drei Jahre nach der Internationalen Bauaustellung (IBA) und der Internationalen Gartenschau (IGS) nicht neu.

Der rot-grüne "Kulturkanal" stagniert

In Medienberichten war zuletzt vom "massiven Ladensterben" im Reiherstiegviertel die Rede, Fragen wie "Ist nach der IBA die Luft raus?" kamen auf. Wenn Sanne Neumuth das hört, verdreht sie die Augen. "Wir sind froh, dass der große Hype ausgeblieben ist", sagt sie. Resignation unter den Anwohnern spürt das Schaluppe-Team nicht.

Ein Blick in das bunte Reiherstiegviertel zeigt, dass das Geschehen in Wilhelmsburg wohl immer noch nicht so recht in eine Schublade passt. Während einzelne Boutiquen oder das Restaurant Wasserwerk am Inselpark schließen mussten, haben sich von Anwohnern betriebene Lokale wie die Kaffeeklappe, das Flutlicht oder der Musikclub Turtur etabliert.

Der Wunsch nach mehr Kultur- und Freizeitangeboten aber bleibt, denn auch die rot-grünen Pläne rund um den "Kulturkanal" stagnieren. Seit der damalige Bezirksamtsleiter und heutige Innensenator Andy Grote (SPD) seine Pläne einer Kulturmeile mit Musikclubs, Bühnen, Kinos und Ateliers am Veringkanal präsentierte, ist wenig passiert. Das Areal rund um die bekannte Soul-Kitchen-Halle, das der Finanzbehörde gehört, liegt seit Jahren brach. Auch die Zinnwerkehallen der städtischen Sprinkenhof GmbH und Teile des anliegenden Gewerbehofs Am Veringhof stehen meist leer.