Gäbe es den idealen Ort für einen Comic, St. Pauli wäre dafür wie gemacht. Die Grenze zwischen Klischee und Wahrheit ist nirgends fließender als hier. Hamburgs Markenstrategen bemühen sich stetig darum, dem Wohnquartier mit Vergnügungszone sämtliche Kanten abzuschleifen. Doch noch stinkt und glitzert, lärmt und schläft, lacht und weint, glüht und friert St. Pauli auf allerengstem Raum. Zumindest Anfang der Achtziger, als ein gewisser "Neger-Toni" den Matrosen Wolfgang trifft und vom Familienvater zur Kiezgröße macht. Zumindest in der Vorstellungskraft also.

Zum Beispiel in der von Fabian Stoltz. Ihr entspringt gerade etwas, das Potenzial zum Einzug in den Kanon popkultureller Gegenwartsliteratur der Gegend hätte, auf einer Stufe mit Heinz Strunks realer Mär Der goldene Handschuh, Michel Ruges Autobiografie Bordsteinkönig oder der gemalten Nachkriegssaga Rohrkrepierer von Isabel Kreitz. Wie gesagt: hätte. Denn Stoltz' Comic-Reihe mit dem Titel Grosse Freiheit mag das Rotlichtviertel mit seinen Luden, Boxern, Nutten, Glücksrittern ebenso unterhaltsam wie geschichtlich korrekt skizzieren – für seine fiktionalisierte Realität einen Verlag zu finden, ist dem Diplom-Illustrator aus der unmittelbaren Reeperbahn-Nachbarschaft bislang verwehrt geblieben.

Stoltz hat Teil eins seines Fünfteilers gemeinsam mit den Szenaristen Anja Kasten und Michael Schmid vor sechs Monaten in Eigenregie produziert. Auf einem antiquierten Mehrfachfarbkopierer der Marke Riso. 32 handgefalzte Seiten. Grauweiß mit etwas blassem Blaurot dazwischen. Auflage: 100 Stück. Stückpreis: sieben Euro, ein Drittel davon als Druckkostenersatz. "Aber einige davon haben wir auch an Freunde verschenkt", erzählt Stoltz.

Der erste Teil von Grosse Freiheit ist für den Mittvierziger nicht profitabel, er ist eine Visitenkarte. Sein Ziel ist es, einen Verlag zu finden, der alle fünf Teile bündelt und herausbringt. Ein Traum, der die meisten Zeichner verfolgt, die in Hamburg an vier Tagen zum 10. Comicfestival zusammenkommen

Knubbelnasen lassen sich besser verkaufen

Mit der abseitigen Form der Massenkultur angemessen Geld zu verdienen, gar davon leben zu können, schaffen nur die wenigsten. In der deutschen Comic-Diaspora vielleicht zwei, drei Handvoll. In Hamburg sind Anke Feuchtenberger, Birgit Weyhe, Sascha Hommer, Arne Bellstorf und Isabel Kreitz die raren Sterne am Bilderhimmel, denen das wachsende Interesse an Graphic Novels tatsächlich in die Gewinnzone gespült hat.

Und der Rest? Schlägt sich wie Fabian Stoltz mit unterbezahlten Gelegenheitsjobs durch und wartet auf Verhältnisse wie in Frankreich, die einer unvergleichlichen Zahl an Zeichnern Millionenabsätze sichern. Noch wenige Tage vor dem Comicfestival Hamburg sitzt er in seinem liebevoll verwahrlosten Atelier am Schulterblatt, das sich der freischaffende Künstler mit einer Schar ähnlich prekärer Existenzen teilt, und arbeitet mit Hochdruck an den letzten Seiten des zweiten Teils des Fünfteilers. Eine zusätzliche Visitenkarte.

"Manchmal verfluche ich es, realistisch zu zeichnen", sagt Stoltz über den vollen Aschenbecher hinweg. Knubbelnasen seien deutlich schneller herzustellen und dann auch noch leichter verkäuflich. Stoltz aber hat sich nun mal dazu entschieden, wirklichkeitsnahe Storys wie in seiner Strip-Serie Was bisher geschah zu produzieren, die im Wochenmagazin Freitag über Jahre hinweg zumindest sein Grundeinkommen sicherte, bevor sie abgesetzt wurde. Oder eben Grosse Freiheit, mit der er das letzte Zucken des alten Kiezes von der Nutella-Bande bis zu den Pinzner-Morden weiterspinnt – inhaltlich orientiert an Zeitzeugengesprächen, optisch an Originalaufnahmen, mehr Historytainment als Graphic Novel.