Auch wenn der Stolz auf das Bauwerk in den letzten Wochen spürbar gestiegen ist – so ganz loslassen können die Hamburger ihre Sorgen um die Elbphilharmonie noch nicht. Kurz vor der endgültigen Eröffnung des Konzerthauses am 11. und 12. Januar gehen Befürchtungen um, es könne zu einem Verkehrschaos kommen. Das gute Stück liegt aber auch vertrackt: Per Bus, Bahn und zu Fuß nur schwer zu erreichen, und der gesamte Autoverkehr muss über die Mahatma-Gandhi-Brücke.

Wenn schon wenig anderes noch daran erinnert, dass die Elbphilharmonie mitten im ehemaligen Hafengebiet liegt – der schwierige Weg dorthin mag den nobel gewandeten Hochkultursuchenden bewusst machen, dass an diesem Ort einst Schiffe gebaut und Waren umgeschlagen wurden. Beethoven stand hier nicht auf dem Programm.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde auf dem Großen Grasbrook sogar noch Vieh gehütet, die nicht eingedeichte Elbinsel stand regelmäßig unter Wasser. Einen weiten Weg ist der Grasbrook also schon gegangen, verglichen mit der langen Zeitspanne, in der er dem stetigen Veränderungsdrang einer am Wasser gelegenen Handels- und Hafenmetropole unterworfen war. Verglichen also mit einem Geschichtsverlauf, der ihn zur Unkenntlichkeit veränderte, schnurrt die überlange Bauzeit der Elbphilharmonie dann doch zu einem beinahe unerheblichen Zeitraum zusammen.

Dass das neue Wahrzeichen der Stadt ausgerechnet hier liegt, macht im historischen Kontext schon Sinn, allen Anfahrtsschwierigkeiten zum Trotz. Weil sich hier Themen manifestieren, die Hamburg schon seit Jahrhunderten und in der Gegenwart noch immer beschäftigen.

Wie etwa die Elbvertiefung. Ursprünglich war der Grasbrook eine Viehweide vor den Toren der Stadt, Teil einer sumpfigen Insellandschaft im Elbe-Urstromtal, geformt nach dem Abklingen der letzten Eiszeit. Es dauerte Jahrhunderte, bis die Hamburger auf die Idee kamen, sie auch anders zu nutzen. 1532 bebauten sie die nördlichen Teile Kehrwieder und Wandrahm für die wachsende Bevölkerung und bezogen sie in die befestigte Stadt ein. Zwischen 1568 und 1605 teilten sie die Insel mit einem Durchstich in Großen und Kleinen Grasbrook – die erste Elbvertiefung, denn Ziel war es, die umgeleitete Norderelbe seeschifftauglich zu machen.

Ab 1616 igelte sich Hamburg hinter den Wallanlagen ein. Für die Werften wurde es innerhalb des Stadtgebietes am Schiffbauerbrook am heutigen Zollkanal langsam eng. Im Mittelalter bedeutete es noch den Verlust der Bürgerrechte, wenn Schiffe außerhalb der Stadt gebaut wurden. Ab 1740 aber fanden die namhaften Werften den Platz, den sie benötigten, auf dem Großen Grasbrook. Direkt an der Norderelbe siedelten sie sich an und profitierten von der wachsenden Nachfrage nach größeren Schiffen für den Überseehandel.

Hamburg - Elbphilharmonie öffnet erstmals ihre Türen © Foto: Sean Gallup/Getty Images

Mit der Hafenexpansion verschwanden die Werften

Die Sommsche Werft war hier zu finden, Gleichmann & Busse – und die Werft Johns. Von 1750 bis 1860 lag sie direkt auf der Landzunge am westlichen Teil des ehemaligen Stadtgrabens. Eine markante Stelle, die deshalb für mehr als hundert Jahre den Namen Johns’sche Ecke trug. Der Platz, an dem heute die Elbphilharmonie thront.

Im Zuge der Hafenexpansion im 19. Jahrhundert mussten die Werften weichen. Sie zogen auf die südliche Seite der Norderelbe, auf den Kleinen Grasbrook, nach Stein- und Kuhwerder, und entwickelten sich dort parallel zum Hafenausbau zu Großwerften. Blohm & Voss, 2016 endgültig verkauft, betrieb hier Anfang des 20. Jahrhunderts das größte Werftgelände der Welt.

Auch auf dem Großen Grasbrook war die ruhige Zeit endgültig vorbei. Er verwandelte sich in rasantem Tempo. Ein moderner Tidehafen entstand, er war mit seinen Kaischuppen, Krananlagen auf Schienen und Eisenbahnanschluss das damals modernste Umschlagsystem der Welt. Aus dem ehemaligen Stadtgraben wurde erst das Neue Bassin, dann ab 1863 der Sandtorhafen. Das Becken des Grasbrookhafens folgte 1876, wodurch die ehemalige Johns’sche Ecke ihre bis heute bekannte Trapezform bekam. Darauf entstand 1875 noch vor dem Bau der Speicherstadt ein Gebäude, das seinerzeit als Wahrzeichen des Hafens galt: Der Kaispeicher A oder – zu Ehren Wilhelms I. – Kaiserspeicher.