Wie eine feine Dame sieht Julia aus der Ferne aus, wie sie da am Tresen des Utspann in St. Pauli sitzt, mit ihrer im warmen Kneipenlicht glänzenden Perücke. Mit einer eleganten Handbewegung führt sie eine Zigarette zum Mund, nimmt einen tiefen Zug. Schnitt.

Julia in Nahaufnahme: Mit trübem Blick spricht sie in die Kamera. "Heute kann man als Transe in normalen Berufen arbeiten, aber früher war da nix zu machen", sagt sie mit ihrer tiefen Stimme. Und dann beginnt sie von früher, von den Sechzigern, zu schwärmen. Von ihrer Zeit als Tänzerin bei den großen Travestie-Shows, im Soho und im Bikini auf der Großen Freiheit. Vor ihren Auftritten sei sie im Abendkleid durch die Schmuckstraße stolziert, erzählt sie.

Es sind leise Szenen wie diese, die den Dokumentarfilm Manche hatten Krokodile ausmachen. Szenen, in denen der alte Kiez auflebt. Seine Protagonisten führen den Zuschauer in eine Zeit, in der die Gegend um die Reeperbahn denjenigen Zuflucht bot, die nicht den strengen gesellschaftlichen Konventionen entsprachen. Außenseiter und Rebellen wie die transsexuelle Julia.

Der Regisseur Christian Hornung hat viele Monate an den Orten verbracht, an denen die Randständigen von damals bis heute zusammenkommen: in Bars wie dem Utspann. Er hat die Betreiber und die Stammgäste kennengelernt und sie vor die Kamera geholt. Herausgekommen ist ein Porträt des historischen St. Pauli, das phasenweise wirkt wie eine melancholische Milieustudie, das aber auch eine Liebeserklärung ist.

Ein Plädoyer gegen die Ballermannisierung

Dass es auf St. Pauli auch früher kriminell zuging, dass es möglicherweise rauer als heute war, blendet der Film weitestgehend aus. "Mir ist bewusst, dass das den Stadtteil romantisiert und den Mythos damit auch wieder rekonstruiert", sagt Regisseur Hornung bei einer Begegnung in der Kaffeepause. Es sei allerdings auch nie sein Ziel gewesen, rein dokumentarisch vorzugehen. "Der Film vermittelt nur einen Ausschnitt der Realität" sagt er.

Die Kaffeepause – noch so eine Kneipe, die heute gerne Kaschemme genannt wird. Sie ist nur wenige Quadratmeter groß, aber vollgestopft mit Lokalkolorit, mit HSV-Schals und alten Hafenbildern. Auch sie ist Drehort des Films von Christian Hornung.

"Jede Kneipe ist ein Mikrokosmos für sich", sagt Hornung, während neben ihm am Tisch gekniffelt wird. "Die meisten Leute hier kennen sich seit Jahrzehnten, jeder hat seine Rolle, wie in einer Familie." In seinen Augen herrscht in der Kaffeepause eine Authentizität, eine Verbindlichkeit, die ansonsten auf dem Kiez verloren geht. Sein Film ist auch ein Plädoyer gegen die Ballermannisierung, dagegen, dass der Kiez weniger Lebens- und mehr Eventraum wird.