Wenn visuelle Medien erst mal ein bestimmtes Bild von etwas geprägt haben, ist es nahezu unmöglich, je wieder davon loszukommen. Hören wir "Ado-Gardinen" sehen wir unweigerlich die schöne Marianne Koch vor uns. Bei einem Fußballer der Marke Andy "Heintje" Möller denken wir gleich an Heulsusenkicker, die das Image trotz aller Härte nie mehr loswerden. Ein Beispiel der kulturellen Art ist das Bild, das der Hamburger Club Tempelhof in den Köpfen hinterlassen hat.

Wessen Attitüde in dieser Musikstadt auch nur ansatzweise cineastisch beeinflusst ist, sieht nämlich bei Nennung dieses Namens unvermeidbar eine der hinreißendsten Filmszenen hanseatischer Herkunft vor sich: Mit glasigem Blick unterm Cowboyhut tanzt die halbwüchsige, aber hackedichte Julia Hummer im Film Absolute Giganten durch die neblige Kleindisco am Hamburger Berg und hat ihr damit vor knapp 20 Jahren ein unverwüstliches Denkmal gesetzt. Ein Monument der Schönheit des Scheiterns im lokalen Nachtleben.

Wie unverwüstlich es ist, bewies zuletzt ein Abend im März, als Sebastian Schippers himmlische Liebeserklärung an Hamburgs Subkultur überall in der Stadt nochmals Menschen vor die Leinwand lockte. Und ist damit allemal unverwüstlicher als deren Drehort. Nach der Kinopremiere 1999 war nämlich noch kein Jahr vergangen, da hatte der Tempelhof nach gut einem Jahrzehnt Institutionsstatus der örtlichen Clubkultur seine Tür geschlossen.

Ein traditionsreiches Tanzlokal mit großem Ballsaal

Missmanagement, so hieß es seinerzeit, zumindest aber kein Angriff der Spekulanten. Für St. Pauli war es trotzdem einer der schwersten Erdstöße jenes Kommerzialisierungsbebens, das das Viertel ringsum seinerzeit bereits großflächig mit Glanz und Glamour in Schutt und Asche legte.

Dabei hatte selbst ein Volltreffer im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges das traditionsreiche Tanzlokal mit dem ausladenden Ballsaal in der damaligen Heinestraße nicht in die Knie gezwungen. Und als nach wechselnder Nutzung Ende der Achtzigerjahre im Erdgeschoss der Tempelhof eröffnete und eine schrecklich enge Treppe hoch das kaum minder legendäre Camelot, schien es, als sei dieser unscheinbare Altbau gleich neben dem berühmten Hong-Kong-Hotel auf ewig einer alternativeren Version der örtlichen Partykultur geweiht. Angefangen eher als Bar mit winziger Tanzfläche, wurde der Tempelhof schließlich rasch zum besten Dancefloor der wild wuchernden Szene elektronischer Musik.

Schon vor 100 Jahren wurde in dem Haus am heutigen Hamburger Berg getanzt und gefeiert. © Bildarchiv Hamburg

Während die Boxentürme der Großraumdiscos damals nämlich eher stumpfen Techno emittierten, gab es im Wohnzimmerambiente plüschiger Mustertapeten sehr elaborierten House, dem bereits seltsam disharmonische Breakbeats untergemengt wurden, als andernorts noch stupides Marschtempo dominierte. Und dann Hip-Hop, immer wieder Hip-Hop, verabreicht von DJs, deren Namen man später, viel später vor nostalgischer Verklärung nur seufzend aussprechen würde. Matthias Arfmann zum Beispiel oder Ale Dumbsky.

Nirgends sonst in der damaligen Hauptstadt des Sprechgesangs wurde variantenreicher gerappt als hier. Gut, grad am Wochenende gab es auch reichlich Gassenhauer, nicht unbedingt Hitparadengedudel, aber schon Zeugs zum Mitgrölen. Nur: Es war halt alles ein wenig, nun ja, erwachsener. Was gewiss auch mit dem Camelot drüber zu tun hatte.

Nominell eine Lesbendisco war das Publikum dort zwar ortsüblich hedonistisch, aber szenetypisch auch nachhaltig durchpolitisiert und somit irgendwie angenehm reif – was heterosexuelle Zecken um die 20 wie mich fast ebenso magisch angezogen hat wie die schwulen Kellerclubs in der Roten Flora. Vielleicht reizte der Selbsterfahrungstrip struktureller Benachteiligung, wenn die beispiellos resoluten Türsteherinnen mit jovialer Kaltschnäuzigkeit eine Frau nach der anderen an uns Chromosomenmutanten vorbei in den angeblich total überfüllten (und angesichts seiner Größe viel schwerer zu füllenden) Club ließen, vielleicht war es auch bloß der treibende Digitalsound, den es beim Frühclubbing bis zum sonntäglichen Tatort gab.