Es ist schon ein Weilchen her, länger vermutlich als der Kiez Kiez genannt wird, dass auf St. Pauli echte Feuer die Stuben erwärmten. Von einem Ort aber ging noch viele Jahre danach dieses Wohlbehagen aus, das sonst nur ein offener Kamin mit knisternden Holzscheiten hervorrufen kann – von der Hasenschaukel.

Hach, entfährt es so manchem Stammgast von damals schon beim bloßen Gedanken an dieses Idyll im Auge des Partyorkans. Gut zwölf Jahre ist es jetzt her, dass dieser Club in der Silbersackstraße, zwischen einem Vorglühkiosk und einem Billardcafé, aufmachte. Was für eine untypische Erscheinung. Während ringsherum ein alteingesessenes Etablissement nach dem anderen unter die Aufwertungsräder kam und systemgastronomischer Ersatz à la Herzblut St. Pauli folgte, wurde in der Hasenschaukel Westerngitarrenpop und Folkzeugs gespielt, gerne zum Mitsingen, meist ohne Verstärker verständlich, und ohne Eintritt erhältlich.

Mehr als ein Jahrzehnt lang kreiste im puppenstubenartig pink dekorierten Liveclub von Anja Büchel und Tanju Börü nach Konzerten der Hut. Frischlinge des Songwritings wurden hier zu alten Hasen. Wie Gisbert zu Knyphausen. Der Liedermacher spielte sein erstes Konzert vor einer Handvoll Besuchern, bei seinem achten hingegen sammelte sich draußen auf der Straße eine Menschentraube und guckte durch die Panoramascheibe zu. Das war bereits 2014, als nicht nur dieser Musiker seinem Sprungbrett ein paar Soli-Gigs spendierte.

Zinsen, Miete, eine Dauerbaustelle vor der Tür – all dies hatte dem unkommerziellen Club zugesetzt. Gut, auch die Hasenschaukel wollte natürlich Geld verdienen; davon zeugte allein schon der stattliche Flaschenbierpreis. Trotzdem gab es hier eine Atmosphäre der Subsistenzwirtschaft, die den Touristenrutschen ringsum vorwiegend wesensfremd ist.

Allein der Raucherraum – legendär! Keine pflichtbewusst abgetrennte Besenkammer wie so oft, sondern stinkgemütliche Plüschpolsterzone. Bis in den Toilettentrakt folgte alles einem Gesamtkonzept exaltierter Behaglichkeit. An den Plattentellern wurden bisweilen nur Bands desselben Anfangsbuchstabens gespielt. Und als sich der amerikanische Lokalmatador Dave Doughman für den Ausflug seines Indierockduos Swearing at Motorists zum SXSW-Festival in Austin/Texas warmspielte, bekam man am Rande der Reeperbahn jenes Gefühl von großer weiter Welt vor der eigenen Tür, das die Marke Hamburg sonst allenfalls simuliert.

Diese Mischung aus Wohlbehagen und Offenheit hatte vor allem mit den Betreibern zu tun. Anja und Tanju waren trotz Nebentätigkeiten gefühlt 24 Stunden vor Ort, als Wirte und Booker, DJs und Buchhalter, Putzkolonne und Tresenpsychiater. Sorgsam hatten sie die historische Wandbekachelung hinter mehreren Mörtel- und Tapetenschichten freigelegt und ins verspielte Interieur integriert. In grauer Vorzeit war die Hasenschaukel offenbar ein Ladengeschäft. Welcher Art genau, bleibt an dieser Stelle Spekulation. Irgendetwas Frisches vermutlich, Tendenz Bäckerei.

Ein betriebsames Ambiente, liebevoll in Feierabendwärme verwandelt von zwei Barveteranen, die in ihrer äußerlichen Exzentrik selbst Teil der Einrichtung waren. Anja Büchel jedenfalls wäre zwischen der Spielzeugdekoration und dem Kaminfernseher kaum weiter aufgefallen, hätte sie nicht diese raumgreifende Persönlichkeit: hingebungsvoll resolut, von großer Leidenschaft für ihr öffentliches Wohnzimmer getrieben. Eine hundertprozentig überzeugte Barfrau, genau wie die sagenhafte Erna im Silbersack wenige Häuser weiter. Beide seltsam aus der Zeit gefallen, beide unverwüstlich. Beinahe, leider.

Denn elf Jahre nach Ernas Tod war auch für Hamburgs "Club des Jahres 2014" endgültig Schluss, kurz vor Weihnachten 2016. Kostendruck und Gentrifizierung waren diesmal zwar nicht alleinverantwortlich; es ging, so heißt es, auch um die Gesundheit der Besitzer, Persönliches also. Allein der Nachfolger jedoch verweist aufs Große Ganze der Entfremdung des Kiezes von sich und seinen Menschen: ein schnöseliger Nachtclub namens The Mad Hatter, betrieben von einem Szenewirt aus der Innenstadt. Alles sehr gediegen, alles sehr elegant, mit den alten Kacheln, aber ohne Eigensinn, ohne Aberwitz, ohne Hasen, ohne Schaukel, ohne Sound, ohne Anja, ohne Tanju, ohne Feuer.