Chandra Mohan Jain war vermutlich nie in Hamburg, und wäre er es gewesen, sein Weg hätte ihn wohl kaum in einen Zweckbau am Eppendorfer Markt geführt, der metallisch, blau und cool wirkt. Der Begründer der Sannyas-Bewegung liebte es warm, rot und erdig. Kurzum: Bhagwan oder Osho, wie er sich noch später nannte, hätte diesem verkehrsumtosten Ort im bürgerlichen Altbauviertel vor 30 Jahren kaum ferner sein können.

Und doch sah man den umstrittenen Guru hier damals überall. Er lächelte vom Plakat an der Tür, er lächelte auf einem Foto über dem Wechselgeld, er lächelte gerahmt zwischen Gläsern und Schnaps. Ach, eigentlich lächelte er überall im seltsamsten Tanzladen der Stadt.

Atisha, so hieß der Laden. Er war ein Anlaufpunkt für Menschen, die von den spirituellen Lehren des 1990 verstorbenen Bhagwans überzeugt waren. Doch so esoterisch Teile des Stammpublikums auch gewesen sind, so aseptisch war das Ambiente ringsum. Auf dem gefliesten Dancefloor tanzten die entrückten Jünger im orangeroten Ashram-Outfit zwar gern barfuß zum zeitgenössischen Chartspop mit Funk-Einsprengseln, sie konnten sich dabei allerdings in einer riesigen Spiegelwand zwischen Schaufenster und Tresen beobachten. Sie verliehen der Bhagwan-Disco, wie das Atisha meist genannt wurde, Großraumdiscoausmaß.

Vorgänger B'sirs war ein Hip-Hop-Hotspot

Das zackige und schwarzweiße Interieur war ein Erbe des Vorgänger-Clubs, der sogar noch bemerkenswerter daherkam als das Atisha. Schwer auszusprechen und noch schwerer angesagt, war das B'sirs 1982 entstanden und zwei Jahre später schon wieder verschwunden.

In den zwei Jahren aber war vom B'sirs aus ein musikalisches Erdbeben durch Hamburgs Partyszene gegangen, das dem vorherrschenden New Wave die Übellaunigkeit ausgetrieben hatte, ohne im eskapistischen Trallala der Neuen Deutschen Welle zu verseifen: Hip-Hop. Weit früher als ihre Kollegen andernorts hatten die Resident-DJs im B'sirs den verrückten Sprechgesang aus der Bronx erprobt und dazu gelegentlich sogar die Nadel übers Vinyl kratzen lassen.

Scratching und Breakdance, B-Boys and Fly-Girls; kein Wunder, dass der Trendsetter im schmucklosen Neubau zügig zum Hotspot aller monokulturell Unterernährten geworden war. Kein Wunder aber auch, dass die seinerzeit omnipräsenten Zuhälter der Umgebung vom Überhang schöner Frauen Wind bekommen hatten und den Club so lang belagerten, bis sie selbst der Überhang wurden und das B'sirs fast ebenso rasch verschwand, wie es gekommen war.

Sehr zum Leidwesen von Kalle Schwensen übrigens, der die Goldgrube mittlerweile übernommen hatte. Sehr zum Leidwesen auch der frischen Rap-Szene, die kurzfristig ihr Trainingsterrain verlor. Am Ende aber vor allem zum Leidwesen besorgter Nachbarn. Denn als das Atisha den telefonzellenflachen Kubus im damals noch maßgeblichen Eppendorf bezog, ging der Ruf durch die stuckverzierten Patrizierwohnungen ringsum, hier fische nun ein Sektenguru nach Seelen.