Julian Flak hat seinen Scheitel akkurat gekämmt und den karierten Schal ordentlich in der cremefarbenen Tommy-Hilfiger-Jacke verstaut. An den Reißverschluss hat sich der Wirtschaftsjurist einen Anstecker seiner Partei geheftet. Flak ist Mitglied bei der Alternative für Deutschland (AfD) und gerade dabei, Unterschriften für die Bezirkswahl zu sammeln. 200 pro Bezirk braucht die Partei, gemessen an der Einwohnerzahl ist das nicht viel. Entsprechend entspannt gibt sich Flak, der sich selbst Lokalpatriot nennt, an diesem Mittwoch auf einem Wochenmarkt in der Hamburger Innenstadt.

Er plaudert über die Probleme, die ihn umtreiben: die Polizei müsse gestärkt, das besetzte Kulturzentrum "Rote Flora" geräumt und die Staatsverträge zwischen Senat und den muslimischen Gemeinden der Stadt rückgängig gemacht werden. "Man schließt ja auch keine Verträge mit Rechtsextremisten."

Als Anti-Euro-Partei hatte sich die AfD vor einem Jahr gegründet und war bei der Bundestagswahl nur knapp an der Fünfprozenthürde gescheitert. Nun gilt es, politisch am Leben zu bleiben – und das heißt, Wahlen zu gewinnen. Besonders gute Chancen rechnet sich die AfD für die Europawahlen im Mai aus, spätestens, seit das Bundesverfassungsgericht die Dreiprozentklausel dafür gekippt und damit den Weg für Kleinstparteien frei gemacht hat.

Wählermilieus auf drei Ebenen

Doch je näher der Termin rückt, desto mehr offenbart sich, wie zerstritten die Anhänger sind. Ende März kam es beim Bundesparteitag zum Eklat, als sich viele Mitglieder gegen den Bundesvorsitzenden Bernd Lucke auflehnten. Der Hamburger Wirtschaftsprofessor hätte gern alle Zügel in der Hand, um eins zu verhindern: die Öffnung gegenüber rechten Positionen. Dabei könnten genau die zum Wahlerfolg führen.

Der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Alexander Häusler verfolgt die Entwicklung der AfD genau. Er ist überzeugt, dass sie mit Euro-Skepsis allein langfristig nicht erfolgreich sein wird. "Die Partei agiert auf drei Ebenen: der extrem marktliberalen, der national-konservativen und der rechtspopulistischen", sagt er. "Sie muss Wählermilieus aller drei Ebenen ansprechen, will sie sich politisch verankern."

Deshalb bedienten sich die Landes- und Kreisverbände verschiedenster Themen. Während der Kommunalwahlen in Bayern kämpfte der Stadtverband München etwa für weniger Bürokratie beim Wohnungsbau, niedrigere Preise im Nahverkehr und, ganz im Sinne der Bundespartei, strengere Regeln bei der Einwanderung. Dafür macht sich auch die AfD in Hamburg stark. Doch als Kernthema hat sich ein anderes herausgepickt: die Innere Sicherheit.

"Politische Gelegenheitsstruktur" nennen Populismus-Experten das, was sich in Hamburg derzeit entwickelt. Seit vergangenem Herbst gibt es in der Hansestadt einen heftigen Streit über den Umgang mit afrikanischen Flüchtlingen, über den Abriss der legendären "Esso-Häuser" auf der Reeperbahn und über die Zukunft der "Roten Flora". Als Reaktion auf die anhaltenden Proteste genehmigte der Innensenator Michael Neumann (SPD) Anfang Januar die Einrichtung eines Gefahrengebietes in mehreren Stadtteilen, wodurch die Polizei anlasslos Personenkontrollen durchführen und Platzverweise erteilen konnte.