Der 22. August 1980 hatte gerade erst begonnen, da zersplitterte die Scheibe. Wenige Augenblicke nach Mitternacht flogen drei 1-Liter-Molotowcocktails in ein Parterrezimmer der Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Billbrook. Sie landeten zwischen den zwei Metallbetten, in denen Ngoc Nguyên und Anh Lân Dô lagen, 22 und 18 Jahre alt. Wenige Monate zuvor waren sie aus Vietnam geflohen und nach langer Reise in Billbrook angekommen, gemeinsam mit rund 200 Asylsuchenden lebten sie seither hier. Dann starben Ngoc Nguyên und Anh Lân Dô an den Folgen des Anschlags. "Ausländer raus!", das schmierten die Täter mit roter Farbe an das Gebäude.

Heute, 34 Jahre später, steht statt der Flüchtlingsunterkunft ein Hotel in der Halskestraße. Hier, am östlichen Billbrooker Hafenrand, zwischen Ikea, Sattelschleppern und Bahngleisen. Es gibt keine Gedenktafel, die an den Anschlag rechter Terroristen erinnert. "Davon habe ich noch nie etwas gehört", sagt der Rezeptionist des Hotels.

Das soll sich nun ändern: Eine Initiative hat sich vorgenommen, gegen das Vergessen anzugehen. Eine Gruppe um den Journalisten Frank Keil und den Rechtsanwalt Ünal Zeran lädt anlässlich des Jahrestages zu einer Gedenkveranstaltung vor das ehemalige Flüchtlingsheim. Sie will daran erinnern, dass Hamburg schon lange vor den Morden des Terrornetzwerks Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) von rechten Terroristen heimgesucht wurde und zwei Menschen aus blankem Hass gegen Nicht-Deutsche das Leben genommen wurde.

Der Anschlag verschwand aus dem öffentlichen Gedächtnis der Stadt

"Die Taten gelten als die ersten dokumentierten rassistisch motivierten Morde nach 1945, auch wenn es sicher eine Dunkelziffer zwischen 1945 und 1980 gibt", sagt Kien Nghi Ha, Politikwissenschaftler und Herausgeber des Buchs Asiatische Deutsche. Insofern habe der Anschlag in der Halskestraße "historische und politische Brisanz". Unmittelbar nach dem brutalen Vorfall berichteten Medien deutschlandweit über ihn. Politiker verabscheuten die Tat öffentlich und die Stadt Hamburg kümmerte sich um die Beisetzung der beiden vietnamesischen Männer auf dem Öjendorfer Friedhof. Der damalige Bürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD) hielt vor etwa 400 Menschen die Trauerrede.

Trotz der anfänglich hohen Aufmerksamkeit ist der Anschlag aus dem öffentlichen Gedächtnis der Stadt verschwunden. Besonders deutlich wurde das Anfang dieses Jahres, nachdem eine Frau und ihre zwei kleinen Söhne in einer Eimsbütteler Flüchtlingsunterkunft durch ein Feuer ums Leben gekommen waren. Angesichts vermehrter Übergriffe auf Asylunterkünfte in Deutschland befürchteten Beobachter anfangs einen rassistischen Hintergrund (der sich später nicht bewahrheitete). Dazu äußerte sich eine Hamburger Polizeisprecherin in der Fernsehsendung NDR aktuell. Sie stand vor der verrußten Fassade der Unterkunft und sagte: "Wir haben hier in Hamburg einen Brandanschlag mit fremdenfeindlichem Hintergrund noch nie gehabt."

Wie bei der Polizeisprecherin ist auch bei anderen Hamburgern kaum ein Bewusstsein darüber vorhanden, dass rechtsextreme Täter bereits viel früher Anschläge in ihrer Stadt verübten. Zum Beispiel bei Michael Ostendorf, dem neuen Pastor der Moorfleeter St. Nikolaikirche. Er begrüße die neue Gedenkinitiative, wisse aber nicht viel über die Vorfälle, sagt er. Erst kürzlich habe er von dem Brandanschlag gehört.

Dass nun, über 30 Jahre später, an den Vorfall aus der Halskestraße erinnert wird, hat viel mit dem Auffliegen des rechten Terrornetzwerks NSU zu tun: So kam der Journalist Frank Keil auf die Idee, zu den Hintergründen des Brandanschlags aus den Achtzigern zu recherchieren. Er sprach für die ZEIT mit Angehörigen und Bekannten der Opfer und brachte so die Morde wieder ins Gespräch.