Geht es nach der Zahl der Entbindungen, ist Hamburg eine segensreiche Ausnahme: Während in Deutschland die Geburtenraten seit Jahrzehnten sinken, steigen sie in der Hansestadt seit zwei Jahren. Auch 2014 ist das wieder so: "Geburtenboom in Hamburger Kliniken", jubelte die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz im Juli. Im ersten Halbjahr wurden 661 Kinder mehr geboren als im Vergleichszeitraum 2013. Bei 10.953 Geburten kamen 11.186 Babys zur Welt.

Da scheint es verständlich, dass sich die Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks freut. Dank einer "umfassenden Geburtenbetreuung in den Krankenhäusern" sei Hamburg die "Gesundheitsmetropole des Nordens", verkündete sie. Andrea Sturm und Susanne Lohmann, die beiden Vorsitzenden des Hebammenverbandes Hamburg, können diese Aussagen allerdings nicht nachvollziehen.

"Natürlich freuen besonders wir uns," sagt Andrea Sturm. "Aber die Betreuung in den Hamburger Kliniken ist alles andere als umfassend. Im Gegenteil, viele Mütter und Babys können nicht fachgerecht versorgt werden. Und die schwierige Situation der Hebammen wird immer dramatischer." Susanne Lohmann fügt hinzu: "Unsere Kolleginnen arbeiten in den Krankenhäusern teilweise unter katastrophalen Bedingungen." Gleichzeitig muss sich der Verband auch um die Sorgen der freien Hebammen kümmern, deren Beiträge zur Haftpflichtversicherung Anfang Juli um ganze 20 Prozent von 4.242 auf 5.091 Euro angestiegen sind. 

Sturm und Lohmann kritisieren, dass in vielen Hamburger Kliniken an erster Stelle die Gewinnmaximierung und nicht die gebärende Frau und ihr Kind stehe, geschweige denn die Arbeitssituation der Hebammen. In fast allen Häusern bekleide mittlerweile nur noch die leitende Hebamme eine Vollzeitstelle, berichtet Susanne Lohmann. Die anderen Kolleginnen arbeiteten in Teilzeit – einige aus familiären Gründen, die meisten aber, weil der Druck im Kreißsaal und auf der Wochenstation ständig wachse. Mehr noch: Der Hebammenverband vermutet laut Ergebnissen eigener Untersuchungen, dass in den vergangenen Jahren in verschiedenen Hamburger Kliniken Stellen abgebaut worden seien.

Das wollen die Hamburger Klinikbetreiber jedoch nicht bestätigen. Der Pressesprecher der Asklepios-Kliniken, Matthias Eberenz, gibt beispielsweise an, dass im AK Altona derzeit 60 Hebammen arbeiteten, wobei die Zahl der Vollzeitstellen darunter liege. "Im Vergleich zum Vorjahr sind in der Klinik aber etwa zehn Prozent mehr Hebammen beschäftigt", sagt Eberenz. Allein in diesem Jahr habe die Klinik Altona neun Hebammen eingestellt. Auch das UKE sucht zusätzliche Hebammen, derzeit ist eine Stelle ausgeschrieben. Und das Katholische Marienkrankenhaus, im ersten Halbjahr 2014 mit 1695 geborenen Kindern die beliebteste Geburtsklinik in Hamburg, stellt laut Pflegedirektorin Tamara Leske zusätzlich zu seinen 36 festangestellten Hebammen "aktuell weitere Fachkräfte ein, die das Team unterstützen sollen".

Bleibt die Frage, ob der vermeintliche und geplante Stellenausbau ausreicht, um den steigenden Geburtenzahlen gerecht zu werden und die Situation in den Kreißsälen und auf den Wochenstationen zu verbessern. Denn für Susanne Lohmann liegt das Hauptproblem darin, dass für die Kernkompetenzen ihrer Kolleginnen im Klinikalltag kein Raum bleibt: "Hebammenarbeit besteht darin, zu beobachten, abzuwarten, auf die Gebärende einzugehen." Genau das sei aber kaum noch möglich, da die Kolleginnen mehrere Frauen gleichzeitig betreuen müssten und nie wirklich für eine Gebärende da sein könnten.