Die Männer sehen so unauffällig aus, dass es auffällt. Sie stehen an einem Dienstagabend vor einem italienischen Restaurant in einer Seitenstraße der Reeperbahn und tun scheinbar: nichts. Doch ihre Umgebung haben sie genau im Blick. Zwei junge Frauen kommen vorbei, führen ein kurzes Gespräch mit den Männern und gehen mit einem von ihnen in einen Hauseingang. Dort tauschen sie Ware gegen Geld, vermutlich haben sie Cannabis oder Kokain gekauft, und ziehen dann gelassen weiter in Richtung der Kneipen auf dem Hamburger Berg.

So geschieht es hier inzwischen regelmäßig. "Die Dealer stehen an allen Ecken, um sich gegenseitig Zeichen zu geben, falls mal Kontrollen kommen", erklärt Maximilian M., Bewohner eines Altbaus in der Seilerstraße, die parallel zur Reeperbahn verläuft. Die Organisation der Dealer ist für die Leute aus der Nachbarschaft inzwischen ein offenes Geheimnis. "Ich wohne jetzt seit acht Jahren auf St. Pauli", sagt der 28-jährige Handwerker. "Aber so schlimm war es noch nie." Er beobachtet täglich, wie vor seiner Haustür Drogen verkauft werden.

Das erzählen auf St. Pauli gerade viele: Der Drogenverkauf ist auf dem Kiez offenbar seit Monaten so präsent, wie er es jahrelang nicht mehr war. Als Stadtteilaktivisten die Anwohner im vergangenen Jahr fragten, was sie im Viertel störe, äußerten nicht wenige der 792 Antwortenden auch ihren Unmut darüber. "Die Drogenszene, die sich immer mehr auszubreiten scheint, nervt sehr", schrieb zum Beispiel einer in den Fragebogen. Über Gentrifizierung und Wildpinkler beschwerten sich zwar deutlich mehr St. Paulianer, aber auch die Drogenszene wird von vielen Kiezbewohnern als Problem wahrgenommen.

"Es ist relativ neu, dass so offensiv gedealt wird"

Die Polizei sagt, dass seit Anfang 2014 der Handel mit Drogen insbesondere in den Straßen um den Hamburger Berg zugenommen habe. Aber auch um die Hafentreppe in der Bernhard-Nocht-Straße sind die Dealer so präsent, wie lange nicht mehr. "Es ist relativ neu, dass so offensiv gedealt wird", sagt Polizeisprecher Mirko Streiber. Aus der Polizeistatistik lässt sich kein Trend ablesen, aber es gibt für 2014 auch noch keine Zahlen. Zwar gab es nach der Statistik im Jahr 2013 mit 1.076 Rauschgiftdelikten im Viertel 296 mehr als noch 2011. Aber im Jahr 2010 waren es ebenfalls 1.000 Delikte auf St. Pauli gewesen. Allerdings landet auch nur in der Statistik, wer sich von der Polizei erwischen lässt. Und das sind, trotz offenem Straßenhandel, die wenigsten.

Wo die Drogendealer sind, sind auch die Konsumenten nicht weit. Am Partypublikum, das sich an der Ecke sein Koks kauft, um dann feiern zu gehen, stören sich die wenigsten. Auffälliger sind die, die sich das weiße Pulver auf Löffeln zur viel gefährlicheren Droge Crack aufkochen und dann rauchen. Ein Zug reicht mitunter zur körperlichen und psychischen Abhängigkeit. Auch Spritzen wurden schon gefunden, was auf Heroinkonsum auf der Straße hindeutet. Manche Konsumenten dieser harten Drogen sitzen schon frühmorgens in den Hauseingängen und merken kaum mehr, was um sie herum geschieht.

Man könnte fragen, warum das ein Problem ist. Muss man den Anblick von Drogensüchtigen als Großstadtbewohner nicht aushalten? Haben nicht auch Junkies ein Recht auf den öffentlichen Raum?

Doch es geht nicht mehr nur um das Recht auf Straße. Manchmal gehen die Drogenkonsumenten auch in die Häuser hinein. Rauchen in den Treppenhäusern Crack oder ziehen gleich ganz auf den Dachböden ein. So war es bei M., wie er im vergangenen Herbst feststellen musste: "Es waren dort mehrere Schlafstätten aufgebaut und es hat bestialisch gestunken", erinnert er sich. "Meine Nachbarn haben erzählt, dass die dort schon seit zwei Wochen gewohnt hatten." Die Bewohner haben dann die vollgepinkelten Matratzen weggeworfen und die ungebetenen Gäste ausgesperrt. Auch weil sie Angst vor möglichen Bränden hatten, entfacht von besinnungslosen Junkies. "Es ist hier echt krass geworden", sagt M.

Viele Anwohner reagieren sehr emotional auf das Thema, berichtet Quartiersmanagerin Julia Staron. Selbst Gerüchte über Junkies, die mit Spritzen um sich stechen, hätten schon im Viertel die Runde gemacht. "Das stellte sich relativ schnell als Mythos heraus", sagt sie. Staron steht im Dienst des BID St. Pauli, des "Business Improvement Districts". Die Wirte und Gewerbetreibenden hinter der Organisation sorgen sich um die Außenwirkung des Kiezes. Schon das "Ballermann-Image", das die Reeperbahn inzwischen habe, sei ein Problem, findet Staron. Jetzt seien viele besorgt, die offene Drogenszene könne sich schlecht aufs Geschäft auswirken: "Wenn die Kunden von Junkiemädchen angesprochen werden, kommen sie vielleicht nicht mehr wieder."