Kadir, in Hamburg verurteilter Pirat aus Somalia, am Elbstrand © Marily Stroux

Abdul Kadir lacht und schüttelt den Kopf. "Oben St. Pauli, unten HSV – das geht nicht", sagt er, als er seinen Gast verabschiedet. Der hat sich einen blau-weißen Schal umgelegt und eine braune Baseballkappe aufgesetzt, die Vereinsfarben der zwei rivalisierenden Hamburger Fußballclubs.

Die beiden Somalier leben seit fast fünf Jahren in Hamburg. Kadir, kurze schwarze Haare, sehr großes 2Pac-Shirt, aber hat einen Wissensvorsprung. Er hat die vergangenen drei Jahre in der betreuten Jugendwohnung verbracht, in der die zwei sich getroffen haben. In einem Mehrfamilienhaus in Mitte. Er ist herumspaziert, hat St. Pauli und den Hafen gesehen, hat Menschen kennengelernt, die ihm erzählt haben, was in Hamburg Usus ist und was nicht. Er hat Deutsch gelernt.

Kadirs Gast, ein grauhaariger Mann um die 40, kann auf Deutsch nicht viel mehr als "Hallo" und "Wie geht's?" sagen. Er war eingesperrt. Vor wenigen Monaten erst hat er das Gefängnis verlassen. Seither besucht er Kadir häufig.

Herbst 2012: Kadir und sein Gast stehen gemeinsam vor dem Hamburger Landgericht – gemeinsam mit acht weiteren Männern aus Somalia. Ihnen wird vorgeworfen, den unter deutscher Flagge fahrenden Frachter Taipan vor der Küste ihrer Heimat überfallen zu haben. Niederländische Marinesoldaten haben sie gestellt – nach Absprache mit der Bundesregierung – und nach Deutschland ausgeliefert. Mehr als 600 Jahre nachdem Klaus Störtebecker in Hamburg geköpft worden sein soll, stehen hier wieder Piraten vor Gericht.

Zurück in ihre terrorgeplagte Heimat müssen sie vorerst nicht

Ein viel diskutierter Prozess beginnt. Warum befasst sich die Hamburger Justiz mit Vorgängen im Indischen Ozean? Laut Bundesverfassungsgericht ist es das "herausragende Ziel" einer Strafe, die Täter wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Wie aber soll das gehen, wenn die Verurteilten aus einem fernen Land stammen und in Deutschland erst Asyl beantragen müssten, um einen rechtlichen Status zu erhalten? Fragen, die die 20 Anwälte der somalischen Piraten stellen. Eine Resozialisierung der Angeklagten hier dürfte nicht gewünscht sein und für Eingliederungsmaßnahmen in ihrem Heimatland könne die deutsche Justiz auch nicht sorgen, sagt einer der Anwälte.

Über 100 Verhandlungstage dauert das Gerichtsverfahren. Am Ende sprechen die Richter Freiheitsstrafen zwischen zwei und sieben Jahren aus. Wegen erpresserischen Menschenraubes und bewaffneten Angriffs auf den Seeverkehr. Vier Stunden begründen sie ihre Urteile – fast genauso lang, wie die Taipan Anfang April 2010 in der Hand der Angeklagten war, bevor die Marinesoldaten die 15-köpfige Besatzung aus einem Schutzraum befreite.

Kadirs Gast bleibt im Gefängnis, ebenso sechs weitere Piraten. Kadir und zwei andere jugendliche Angeklagte kommen frei. Die zwei Jahre, zu denen sie verurteilt werden, haben sie mit ihrer Untersuchungshaft bereits abgesessen. 

Zurück in ihre ärmliche, terrorgeplagte Heimat müssen sie nicht. Vorerst. Seit 2010 hat Hamburg nicht mehr nach Somalia abgeschoben. Gründe hierfür laut Innenbehörde: fehlende Papiere, eine schwierige Einreise und unzureichende Kontakte zu den dortigen Behörden. Kadir und seine zwei ehemaligen Mithäftlinge bekommen die betreute Jugendwohnung gestellt, in der sie seither zu dritt wohnen. Drei Zimmer, Küche, Bad. Ihr Status: geduldet.

"Wir haben ständig Angst, dass unser Leben in Hamburg zu Ende geht", sagt Kadir, der in einem schwarzen Ledersessel sitzt. Vor den Fenstern seines Zimmers hängen geblümte Tücher, die dem Raum ein mattes Licht geben. Im Regal stehen Adidas-Schuhkartons, daneben ein Fernseher. Er hat sich immer wieder andere Wohnungen angeschaut, weil er seine betreute Bleibe aus Altersgründen bald verlassen muss. "Aber immer, wenn wir eine Zusage hatten, sagte das Sozialamt, das zahlen wir nicht."