Heinrich Maria Schulte sieht aus, als wäre er zum Golfplatz unterwegs. Lässig hat er einen beigen V-Ausschnittpulli um die Schultern gehängt. Er schmettert ein lautes "guten Morgen" in die Runde, als er den Saal betritt, dreht sich zu den Zuschauern hinter der Trennscheibe um, lächelt, zwinkert. Jeder Bekannte wird persönlich mit einem Kopfnicken begrüßt. Schulte, das zeigt seine Haltung deutlich, will sich nicht verstecken. Nicht einmal jetzt.

Wenige Minuten später ist er ein verurteilter Verbrecher. Heinrich Maria Schulte, Medizinprofessor, Wissenschaftler, Unternehmer und Bankchef soll für acht Jahre und sechs Monate in Gefängnis. Dorthin, wo er seinen Alltag mit Mördern, Räubern und Vergewaltigern teilt. Das Hamburger Landgericht sieht es als erwiesen an, dass der frühere Chef der Hamburger Fondsgesellschaft Wölbern Invest Anleger im ganz großen Stil um ihre Investments geprellt hat. 

Über 147 Millionen Euro habe er aus Fonds der Wölbern Fondsgesellschaft für eigene Zwecke abgeschöpft, allein 50 Millionen zur Finanzierung seines aufwendigen Lebensstils: 2,5 Millionen Euro für die Renovierung seiner Villa an der Elbchaussee, 1,9 Millionen für Yachten und Privatflüge und so weiter. "Er hat über die Fondsgelder so verfügt, als ob sie ausschließlich ihm gehörten", begründet der Vorsitzende Richter Peter Rühle das Urteil. "Kritiker innerhalb der Bank wurden einfach ihres Amtes enthoben."

Die Bank wurde ihm zum Verhängnis

Seit über einem Jahr sitzt Schulte bereits in Untersuchungshaft. Mit diesem Urteil aber wird endgültig der Mythos um einen Mann entzaubert, der in der Hamburger High Society über viele Jahre hohes Ansehen genoss. Egal, wo er auftrat: Schulte war immer der strahlende Mittelpunkt. Lange schien es, als ob ihm im Leben einfach alles gelinge. Denn er hat eine Karriere hingelegt, die einmalig sein dürfte, nicht nur in Hamburg. 

Gestartet ist Schulte irgendwann als einfacher Arzt, als Experte für Stoffwechselstörungen hat er in Kliniken auf der Station gearbeitet. Nach Hamburg kam er zunächst als Direktor des Hamburger Institutes für Hormon- und Fortpflanzungsforschung. Später gründete er das Endokrinologikum mit, heute das größte ambulante Ärztenetz Deutschlands. Von da an wandelte er sich immer mehr vom Arzt zum Unternehmer. 1993 gründete er Evotec, ein Biotechunternehmen, dessen Börsengang 1999 ihm Millionen einbrachte. Als dann 2006 die Wölbern Bank zum Verkauf stand, kaufte er sich eben auch noch eine Bank. "Das war reiner Zufall", sagte Schulte gegenüber der ZEIT dazu. "Ich wollte nie eine Bank haben."

Doch die Bank war es, die ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Die aus dem renommierten Arzt erst einen Finanzjongleur und schließlich einen Verbrecher machte, der jegliche Bodenhaftung verlor. Bei Wölbern Invest schob Schulte täglich Millionensummen hin und her, als handele es sich dabei um Peanuts. Und vor allem: Als handele es sich um sein eigenes Geld.

Im Jahr 2011 schuf er das von ihm so genannte "Liquiditätsmanagement". Das war ein System, bei dem sich die Fonds gegenseitig Geld ausleihen sollten. Nur: Schulte zweigte seit August 2011 zwar tatsächlich immer wieder Geld von einzelnen Fonds ab. Zurück floss davon aber nur ein kleiner Teil. Der Rest verschwand. Vor allem auf seinen Privatkonten. Davon ist das Landgericht überzeugt. Die Staatsanwaltschaft hatte dafür sogar zwölf Jahre Haft verlangt.