Der Hamburger Baakenhafen ist historisches Gelände. Das sollte man nicht glauben, begeht man heute das karge Gewerbegebiet gegenüber der teuren Hafencity. Wohnungen sollen hier jetzt gebaut werden. Anfang des letzten Jahrhunderts aber legten in dem Hafenbecken die Dampfschiffe der Woermann-Linie Richtung Deutsch-Südwestafrika ab. An Bord: Kaiserliche Schutztruppen, die in der Kolonie den Aufstand der Herero und Nama niederschlagen sollten. Es wurde ein Vernichtungskrieg.

Allein in den ersten 18 Monaten des Krieges, der im Januar 1904 begann, wurden rund 665 Offiziere verschifft, 196 Beamte, 14.000 Soldaten und 12.000 Pferde. Die einfachen Soldaten in den untersten Decks, die Offiziere darüber. Die Fahrt führte nach Swakopmund. Schlepper zogen die Woermann-Dampfer an den Petersenkai. Ladebäume hievten Maschinengewehre und fahrbare Funkanlagen von Frachtkähnen, Soldaten leiteten masurische Kavalleriepferde auf Rampen in den Bauch der Linienschiffe. Die Reederei des Hamburger Kaufmanns Adolph Woermann hatte sich auf die Militärtransporte ein Monopol gesichert – und wurde wegen seiner hohen Frachtraten im Reichstag kritisiert.

Der Aufstand der Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 endete im Völkermord durch die deutschen Kolonialherren. Die Kolonie, das heutige Namibia, existierte noch bis zum 9. Juli 1915 – vor genau 100 Jahren ging das Gebiet an die mit Großbritannien alliierte Südafrikanische Union unter General Luis Botha. In Hamburg weisen zahlreiche Orte auf die Kolonie und den Vernichtungskrieg der Deutschen hin. Die Auseinandersetzung um die Folgen des Krieges und die Formen des Gedenkens dauern an, in Namibia, in Deutschland und in Hamburg.

Ein Terrakottarelief mit Kolonialmilitärs

"Nichts erinnert heute an die Truppenverschiffung, dabei könnte gerade am Beispiel Hamburgs gezeigt werden, dass Kolonialismus immer auch deutsche – oder in diesem Falle Hamburgische – Geschichte ist", sagt Jürgen Zimmerer, Geschichtsprofessor an der Universität Hamburg. Der Leiter der Forschungsstelle "Hamburgs (post-)koloniales Erbe" hat sich aus Anlass des 100. Jahrestages des Endes von Deutsch-Südwest zusammen mit zahlreichen anderen Wissenschaftlern, Theologen und Politikern mit dem Appell "Völkermord ist Völkermord!" an den Bundespräsidenten und die Bundesregierung gewandt.

Der Aufruf fordert sie auf, den Völkermord an den Herero und Nama offiziell anzuerkennen und die Nachfahren der Genozidopfer förmlich um Entschuldigung zu bitten. Der Kolonialismus und der Vernichtungskrieg seien zwar stärker ins Blickfeld gerückt, so Zimmerer. "Aber es fehlt eine breite Verankerung dieses Wissens in der Öffentlichkeit, etwa in den Lehrplänen der Schulen oder der offiziellen Erinnerungspolitik", bemängelt Zimmerer. Immerhin: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat die Massaker an den Herero in einem Beitrag der ZEIT jetzt als Genozid bezeichnet.

Nicht nur am Baakenhafen, auch sonst gibt es in Hamburg keine Stätte, die der Opfer der grausamen Kolonialgeschichte gedenkt. Stattdessen ehrt man unverblümt die Kolonialmilitärs. Im Hamburger Osten blicken Lothar von Trotha und Paul Lettow von Vorbeck als denkmalgeschütztes Terrakottarelief von Kasernengebäuden, die heute als Studentenwohnheim der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr genutzt werden.

Der eine, Generalleutnant von Trotha, befahl vor 111 Jahren die Vernichtung der Herero und Nama. Der andere, von Vorbeck, war sein Adjutant. Die Namen von einer Reihe ihrer Soldaten aus Hamburg hängen heute auf einer Gedenktafel in der St. Michaelis-Kirche. Umrahmt von Eichenblättern und Efeuranken. Die Tafel an einem Pfeiler neben dem Teakholzgestühl  wurde 1912 im Innenraum des Hamburger Wahrzeichens angebracht, nachdem die Kirche nach dem Brand von 1906 wiederaufgebaut und in Gegenwart des Kaisers geweiht wurde.