Am Hamburger Baakenhafen (vorn, Foto von 2010) werden jetzt Wohnungen gebaut; dahinter die Großmarkthallen mit ihren geschwungenen Dächern, oben links die Mundsburg-Hochhäuser in Barmbek. CC BY-SA 3.0

ZEIT ONLINE: Herr Kähler, für Hamburg könnte 2016 das Jahr der Großwohnsiedlungen werden – so wie wir es zuletzt in den Sechzigern hatten. Die Stadt will sie errichten, um die zahlreichen Flüchtlinge unterzubringen. Wie bewerten Sie diese Pläne?

Gert Kähler: Die Wahrscheinlichkeit, dass 2016 insgesamt 5.600 zusätzliche Wohnungen für Flüchtlinge im Schnellverfahren hochgezogen werden, wie der Senat es angekündigt hat, ist nicht sehr groß. Ich weiß nicht, was Bürgermeister Olaf Scholz dazu gebracht hat, das zu postulieren.

ZEIT ONLINE: Was steht dem denn im Weg?

Kähler: Erstens benötigen die stadtplanerischen Voraussetzungen – auch rechtliche, wie der Umgang mit den Bebauungsplänen – einiges an Zeit. Zweitens können die Häuser selbst so schnell gar nicht gebaut werden, außer man nimmt weniger Rücksicht auf Qualität und Planung.

ZEIT ONLINE: Ist das in der Notlage denn eine Alternative?

Kähler: Besser nicht. Eine Option könnten provisorische Bauten auf Zeit sein, so wie wir sie vor über 20 Jahren schon mal aufgestellt haben. Damals haben wir modulare Holzhäuser für die sogenannten Asylantendörfer hochgezogen. Die wurden fast alle wieder abgebaut, hatten aber eine ordentliche Qualität.

ZEIT ONLINE: Und sie wären erst mal günstiger als konventionelle Gebäude.

Kähler: Ja. Bei den Kosten haben wir zudem ein Grundsatzproblem, das sich möglicherweise nicht so schnell auflösen lässt: Wohnen in Hamburg ist ja nicht nur wegen der Marktpreise im Immobiliensektor teuer geworden. Inzwischen werden die Anforderungen an den Klimaschutz bei Neubauten sehr hoch angesetzt. Andererseits soll aber alles bezahlbar bleiben. Was mache ich, wenn ich massenhaft und schnell Wohnungen für Flüchtlinge bauen soll? Welche Standards wenden wir an?

ZEIT ONLINE: Die Stadt plant für die Flüchtlinge mehrere Großwohnsiedlungen, obwohl die eigentlich keiner haben will. Welche Alternativen dazu gäbe es?

Kähler: Ich würde das einmal jenseits der Neubau-Frage betrachten: Wir haben inzwischen eine durchschnittliche Wohnfläche pro Person, die irgendwo zwischen 40 und 45 Quadratmetern liegt – das ist der pure Luxus. Das heißt, wir wissen, dass viele Leute zu große Wohnungen zu billig für sich in Anspruch nehmen, und dass bestimmte andere Gruppen – von Studenten bis Zuwanderern – zu teuer in verhältnismäßig kleinen Wohnungen leben müssen. Die Frage ist daher, ob man nicht in die Art der Wohnungsversorgung eingreifen muss.

ZEIT ONLINE: Das funktioniert nur mit staatlichen Zwangsmitteln.

Kähler: Man könnte zumindest mal über bestimmte Instrumente nachdenken, wie die 2002 abgeschaffte Fehlbelegungsabgabe im sozialen Wohnungsbau, die jene zahlen sollten, die in Sozialwohnungen leben, dafür aber irgendwann zu viel verdient haben. Oder dass die Städte und Kommunen den Umzug solcher Mieter subventionieren, die in eigentlich zu großen Wohnungen leben. Werden diese frei, können dann wesentlich mehr Menschen einziehen. So etwas gibt es bereits in einigen deutschen Städten.