Mit einem sozialen Brennpunkt, sagt Heinz Buschkowsky, sei es wie mit einem Igel. Innen – im Brennpunkt beziehungsweise im Igel – sage man sich: Sollen die draußen doch machen, was sie wollen. Es bilde sich eine Parallelgesellschaft; abgekoppelt, mit eigenen Regeln. Und draußen, außerhalb des Igels beziehungsweise Brennpunkts? Dort, so lautet Buschkowskys Theorie, sitzen die anderen, die unbescholtenen Bürger, und werden gestochen.

Man kann den Vergleich, den der ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeister an diesem Dienstag Abend im Rathaus aufmacht, mit einigem Recht für hinkend halten. Aber auf eine Weise beschreibt er doch ganz gut die Gemengelage der Veranstaltung, auf die Buschkowsky geladen wurde: Es geht um Fronten, um ein Innen und Außen. Und dass der Berliner überhaupt im Hamburger Rathaus steht und ein Interview nach dem nächsten gibt, ist eigentlich schon eine Notiz für sich.

Die Bürgerschaft hat zur Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses geladen, Thema: das wohl größte Bauprojekt der Stadt, 5.600 Wohnungen für gut 20.000 Flüchtlinge, die bis Ende des Jahres fertig sein sollen – und aus denen nach einer Frist schließlich gewöhnliche Wohnungen werden sollen.

Experten sollen Sachlichkeit in die Debatte bringen

Der Streit um diese Großunterkünfte für Flüchtlinge, in Hamburg treibt er seltsame Blüten. Veranstaltungen wie eine Expertenanhörung im Stadtentwicklungsausschuss der Bürgerschaft werden von der Öffentlichkeit für gewöhnlich eher ignoriert. Heute ist der Festsaal bis auf den letzten seiner rund 400 Plätze belegt – und draußen stehen noch etliche, die nicht mehr hereindürfen.

Geladen sind Experten, die erklären sollen, welche Vor- und Nachteile Großsiedlungen mit sich bringen könnten. Sie sollen Sachlichkeit in eine Debatte bringen, die Hamburg derzeit stark beschäftigt. Der Senat hält große Wohnsiedlungen für unverzichtbar, um die vielen Flüchtlinge auf die Schnelle unterzubringen. Viele der Menschen, die in der Umgebung der Bauplätze wohnen, sehen in ihnen künftige soziale Brennpunkte und wollen sie verhindern.

Der Streit um die Flüchtlingsunterkünfte, er führt auch zu interessanten Bündnissen. Den SPD-Politiker Buschkowsky luden nicht etwa die Sozialdemokraten ein. Nein, verantwortlich für diesen Experten ist Katja Suding, die Fraktionsvorsitzende der FDP, die zu Beginn des Abends stolz an der Seite des Neuköllners steht.

Als es losgeht, ist die Stimmung im Saal gereizt, fast feindlich. Gleich zu Beginn tragen Gegner der Flüchtlingsunterkünfte ein Transparent nach vorn: "Ghettobau stoppen & Integration ermöglichen". Der Dachverband Initiativen für eine erfolgreiche Integration in Hamburg, hinter dem sich die vielen einzelnen Bürgerinitiativen gegen Großunterkünfte verbergen, hat seine Unterstützer zusammengetrommelt. Nur ein Bruchteil der Leute im Saal unterstützt das Bauvorhaben des Senats.

Es geht ein Raunen durchs Publikum, als der Ausschussvorsitzende sagt, man habe extra den größten Saal genommen – dass es jedoch so voll würde, hätte man nicht erwartet. Manche der Zuschauer pfeifen, andere halten rote Karten hoch. Die Senatorin für Stadtentwicklung, Dorothee Stapelfeldt, lasse sich leider krankheitsbedingt entschuldigen, fährt der Vorsitzende fort. Und wieder pfeifen die Leute, lachen.