Am Ende waren es mehr als 170 Ideen, eingebracht von Eltern, Lehrern und Politikern. Wie kann man mehr Eltern davon überzeugen, ihre Kinder statt aufs Gymnasium auf die Stadtteilschule zu schicken?, haben wir unsere Leser vor zwei Wochen gefragt. Es war ein kleines Crowdsourcing-Experiment – und es ist größer geworden, als wir erwartet hatten.

Auslöser war der Hilferuf von 51 der 59 Rektoren der Hamburger Stadtteilschulen. "Unser Schulsystem droht zu scheitern", hatten die Sprecher der Schulleiter im Interview mit der ZEIT gesagt. "Das Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Stadtteilschule funktioniert nicht." Der Grund: Eltern melden ihre Kinder immer häufiger am Gymnasium statt an der Stadtteilschule an. Die Befürchtung: Die Stadtteilschule wird zur Restschule.

"Schulen in Not und die Politik stellt sich taub: Wir müssen reden!": Oliver Hollenstein zum Schulstreit in der aktuellen Ausgabe des Hamburg-Teils der ZEIT Nr. 29 vom 7. Juli 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ein deutlicher Appell. Dennoch blieb die Reaktion der Schulpolitik blass. Eine Debatte in der Bürgerschaft erging sich in den üblichen Floskeln. Warum das symptomatisch ist für die Art und Weise, wie in Hamburg über Schulen geredet wird, analysieren wir in der Printausgabe der aktuellen ZEIT:Hamburg. Online stellen wir nun die Ergebnisse unseres Crowdsourcing-Experiments vor.

Insgesamt gab es mehr als 1.500 Kommentare, am Ende sind 23 Vorschläge entstanden, die wir nun Experten und Politikern aus der Bürgerschaft vorgelegt haben. Der Schulsenator hat unsere Anfrage, die Vorschläge zu kommentieren, abgelehnt, ebenso die SPD-Schulexpertin in der Bürgerschaft. Alle anderen Schulexperten aus der Bürgerschaft haben sich auf unser Experiment eingelassen: Karin Prien (CDU), Stefanie von Berg (Grüne), Anna von Treuenfels-Frowein (FDP), Sabine Boeddinghaus (Linke), Alexander Wolf (AfD) und die fraktionslose Abgeordnete und ehemalige Lehrerin Dora Heyenn.

Außerdem haben wir Fachleute aus der Praxis um ihre Einschätzung gebeten: die Vereinigung der Stadtteilschulleiter, die Gewerkschaft für Erziehung- und Wissenschaft (GEW) und den Deutschen Lehrerverband. Die Schulleiter der Gymnasien haben ihre Zusage kurzfristig wieder zurückgezogen.

1. Schulstruktur ändern

Eine Schule für alle einführen!

Das ist der Vorschlag:
Das Zwei-Säulen-Modell aus Stadtteilschule und Gymnasium wird abgeschafft, künftig gibt es nur noch eine Schulform, die zu allen Abschlüssen führt.

Das sagen die Experten:
Die GEW ist für eine Schule für alle, um soziale Ungleichheit zu reduzieren. Der Lehrerverband ist strikt dagegen: Die Eltern würden das Gymnasium wählen, weil es die einzige verbliebene Form der Differenzierung sei. Die Stadtteilschulleiter sehen in dem Vorschlag eine Vision, aber keine Antwort auf die derzeitigen Probleme. "Gute Bildungspolitik braucht Zeit, keine Lösungen, die mit der Brechstange eingeführt werden", schreiben sie

Das sagen die Politiker:
Die klassischen Positionen: CDU, FDP und AfD sind strikt dagegen. Schule sei "kein sozialpolitischer Reparaturbetrieb", schreibt CDU-Schulexpertin Karin Prien. Die Stadtteilschule habe "auch deshalb solche Probleme, weil sie als eine Schule für alle fungieren soll", sagt ihre FDP-Kollegin Anna von Treuenfels-Frowein. Die Linke begrüßt die Idee, die Grünen finden sie prinzipiell sinnvoll, halten sie aber für in den nächsten zwei Jahrzehnten nicht durchsetzbar.

So diskutiert Facebook:
36 Likes, 6 Kommentare. Eindeutiger Tenor: politisch nicht durchsetzbar.

Gesamtbewertung:
Ein echter Klassiker, das Idealbild der Linken, in Hamburg in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht durchsetzbar.

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Längeres gemeinsames Lernen!

Das ist der Vorschlag:
Die Grundschulzeit wird auf sechs Jahre verlängert, erst dann entscheidet sich, welche Kinder aufs Gymnasium und welche auf die Stadtteilschule gehen.

Das sagen die Experten:
Skepsis. Lehrerverband und Stadtteilschulleiter halten ihn für nicht durchsetzbar, weil er 2010 in einem Volksentscheid abgelehnt wurde. Die GEW findet die Idee weiter gut.

Das sagen die Politiker:
Politisch nicht umsetzbar.

So diskutiert Facebook:
38 Likes, 7 Kommentare. Überwiegender Tenor: seit dem Volksentscheid tot.

Gesamtbewertung:
Die Schule für alle in der Light-Version. In Hamburg ist diese Idee erledigt.

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Wiedereinführung einer echten Mehrgliedrigkeit!

Das ist der Vorschlag:
Stadtteilschulen führen nicht mehr zum Abitur, sondern konzentrieren sich auf den Ersten Schulabschluss (ESA) und den Mittleren Schulabschluss (MSA).

Das sagen die Experten:
Auf keinen Fall! Ohne die Möglichkeit auf ein Abitur an der Stadtteilschule, würden noch mehr Schüler aufs Gymnasium gehen, fürchtet der Lehrerverband. Die GEW schlägt vor, dass die ersten beiden Schulabschlüsse auch am Gymnasium angeboten werden.

Das sagen die Politiker:
Einhellige Ablehnung bei Enthaltung der AfD. Die FDP möchte das Abitur an Stadtteilschulen behalten, aber die ersten beiden Schulabschlüsse wieder stärker in den Fokus der Stadtteilschulen rücken. "Das ist schließlich ihre Kernaufgabe."

So diskutiert Facebook:
4 Likes, 0 Kommentare

Gesamtbewertung:
Das klassische Idealbild konservativer Schulpolitik. Aber eine eindeutige Meinung aus allen Richtungen: Das wäre ein Schritt in die Vergangenheit.

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Stadtteilschulen abschaffen!

Das ist der Vorschlag:
Der Name Stadtteilschule wird abgeschafft, stattdessen gibt es künftig nur noch Schulen mit dem Namen Gymnasium. Unterschieden wird zwischen normalen Gymnasien, die in neun Jahren zum Abitur führen, und Turbo-Gymnasien, die in acht Jahren zum Abitur führen.

Das sagen die Experten:
Unterschiedlich. Der Lehrerverband bezeichnet den Vorschlag als "Namenskosmetik und Etikettenschwindel", damit werde kein Problem beseitigt. Die GEW begrüßt die Idee, aber schreibt: "Die Eltern werden sich von einem Namenstrick nicht aufs Glatteis führen lassen, wenn sich am Schulsystem sonst nichts ändert." Die Schulleiter der Stadtteilschulen sprechen von einer "interessanten Idee", die vielleicht dazu führen würde, dass sich Eltern für die Angebote der einzelnen Schule interessieren, nicht nur für das Image der Schulform.

Das sagen die Politiker:
Ablehnung. Gymnasien und Stadtteilschulen seien unterschiedliche Schulen, das solle auch so bleiben. Mit dem Vorschlag löse man kein Problem. Lediglich die Grünen fänden Schulen ganz ohne Schulformbezeichnung attraktiv.

So diskutiert Facebook:
Weitgehend ablehnend. 12 Likes, 36 Kommentare. Mehrfach fallen Worte wie "Quatsch" und "Schwachsinn". Eine Nutzerin schreibt: "Man kann einer Kuh einen Trainingsanzug anziehen, es bleibt immer noch eine Kuh!"

Gesamtbewertung:
Eine ungewöhnliche Idee, die zeigt, wie hoch die Emotionen bei dem Thema kochen können – und wie sehr viele an dem Label Gymnasium hängen.