Zahlreiche Uniformierte versammeln sich an diesem Freitag, den 11. September 1936, um kurz vor 11 Uhr vor der Großen Halle des Krematoriums auf dem Friedhof Ohlsdorf. Hohe Wehrmachtsgeneräle, ehemalige Offiziere der Schutztruppe und Nationalsozialisten in ihren braunen Hemden. Auch viele Reporter sind gekommen. Die Trauerfeier für Victor Franke, Generalmajor a.D., ehemaliger Kommandeur der Schutztruppe von Deutsch-Südwest, ist ein gesellschaftliches Ereignis.

Kränze werden im Auftrag des Auswärtigen Amtes, des Senats, des Oberbefehlshaber des Heeres, von der Auslandsorganisation der NSDAP, dem Deutschen Kolonialkriegerbund Nord-Hamburg und von Hamburgs NS-Reichsstatthalter Karl Kaufmann niedergelegt. Einen "deutschen Helden" nennt ihn der Divisionspfarrer, der die Trauerrede hält.

Heute gilt Victor Franke als gnadenloser Vollstrecker der deutschen Kolonialpolitik und der Krieg gegen die Herero, in dem er kämpfte, als Völkermord. In diesem Sommer hat die Bundesregierung erstmals die Schuld daran eingestanden. Angehörige der damals ermordeten Hereros fordern nun eine Wiedergutmachung durch die Bundesrepublik. Im November flogen deutsche Diplomaten nach Namibia, um über eine Entschuldigung für den Völkermord an den Herero zu verhandeln.

Bis heute lagern in deutschen Archiven und Museumsdepots Tausende Knochen von Afrikanern, die von Deutschen für Kolonialsammlungen geraubt wurden. Lange mussten die Herero dafür kämpfen, die Gebeine zurückzubekommen. 2011 und 2014 erhielten ihre Vertreter Schädel zurück.

Frank wurde als "Held von Omaruru" geehrt

Victor Franke war am späten Abend des 7. September 1936 im Krankenhaus Barmbek gestorben. 70 Jahre alt war er geworden. Nach Hamburg war er gekommen, um sich zu erholen und sich am Bernhard-Nocht-Institut wegen alter Tropenkrankheiten behandeln zu lassen. Victor Franke hatte mehrfach an Malaria gelitten. Einige Jahre war er in Deutschland in Vergessenheit geraten. Nun überschlug sich die gleichgeschaltete Presse im nationalsozialistischen Deutschland mit Ehrerbietungen.

Die "Verdienste eines alten Afrikaners" rühmte der Völkische Beobachter, das Parteiorgan der NSDAP die Zeit von Victor Franke in der Kolonie. Einen "Held von Omaruru" verabschiedete die Deutsche Kolonial-Zeitung. An Frankes "Siegeszug in 19 Tagen" erinnert das Hamburger Tageblatt. Und das Hamburger Fremdenblatt titelte: "Der Verteidiger von Deutsch-Südwest gestorben". Er habe für Deutsch-Südwestafrika dieselbe Rolle gespielt, wie Paul von Lettow-Vorbeck für Deutsch-Ostafrika. Beide Offiziere sollten die Kolonien im Ersten Weltkrieg gegen die Alliierten verteidigen. Nun rüstete das nationalsozialistische Deutschland wieder für einen großen Konflikt, der als Zweiter Weltkrieg den Globus verändern sollte.

Aufrüstung und Wehrertüchtigung hatten seit 1933 Konjunktur. Auch deswegen feierte die faschistische Diktatur von Adolf Hitler den verstorbenen Franke als Helden – vor allem wegen einer Tat, die damals mehr als 30 Jahre zurückliegt. Damals hatte Franke in der längst verlorenen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, dem heutigen Namibia, gegen Wilde gekämpft. So sehen und bezeichnen viele Deutschen die Herero und andere Stämme in den "Schutzgebieten", wie sie ihre Kolonien nennen. Als "Untermenschen" galten sie bei den meisten, als Neger, als minderwertige Rasse. Dieses Menschenbild passt perfekt zum Rassismus der NSDAP.