Mir ist bewusst, dass ich in diesem Moment meine Rolle als Journalist verlassen habe, dass ich zu einem Aktivisten geworden bin für die Pressefreiheit. Auch wenn es eine Aktion für eine meiner Meinung nach gute Sache war, war das ein Fehler. Falsche Zeit, falscher Ort. Ich trenne normalerweise meine Rolle als Journalist sehr genau von der eines Aktivisten. Nie würde ich mich auf einer politischen Veranstaltung, über die ich berichte, mit irgendwelchen Parolen zu Wort melden.

In diesem Moment aber, im Garten des Konsulats, überwiegt bei mir der Wunsch, Solidarität mit einem Kollegen zu zeigen. Es kommt mir falsch vor, hier an der Alster zu stehen und die Propaganda des Ministers einfach mitzuschreiben, während Deniz Yücel in einer Zelle sitzt. Also halte ich das Plakat hoch.

"Du verdankst es Erdoğans Menschlichkeit, dass du noch lebst"

Es dauert ungefähr drei Sekunden, bis eine junge Frau neben mir gelesen hat, was ich geschrieben habe. Sofort schreit sie: "Ein Provokateur, ein Provokateur!" Der Junge, der mir das Plakat gegeben hatte, reißt es mir aus der Hand. Von hinten hauen Männer mit ihren Türkei-Flaggen auf mich ein, dann kommt ein Mann, packt mich und schubst mich in die Menge. "Raus hier", sagt er. Aber um mich herum ist es voll und jemand schubst mich zurück, ein anderer schlägt mir ins Gesicht, meine Brille fliegt runter.

Sekunden später stehe ich am Ausgang. Ich habe sehr schlechte Augen, ohne Brille sehe ich die vier, fünf Männer um mich herum nur schemenhaft. Sie drängen mich an die Mauer des Konsulats. Ich sei als Journalist reingelassen worden und mache jetzt hier Propaganda, wirft mir ein Ordner in Lederjacke vor. "Verpiss dich von hier, oder dir passiert was", zischt ein Mann neben ihm. "Du verdankst es Erdoğans Menschlichkeit, dass du noch lebst", ein anderer. Je länger es dauert, desto aggressiver wird es, also durchbreche ich die Mauer und stolpere davon.