Der türkische Außenminister macht Selfies mit seinen Anhängern, als es für mich ungemütlich wird. Es ist kurz nach acht und ich stehe mit einer Kollegin neben einem Heizpilz im Garten der Residenz des türkischen Konsulats, Hamburg, Außenalster. Oben, auf der Veranda, hat bis gerade Mevlüt Çavuşoğlu gesprochen. Unten, auf dem Rasen, jubeln ihm etwa 300 Menschen zu. Sie schwenken Türkei-Flaggen, filmen den Außenminister mit ihren Handys. Ein Mann neben mir hält einen Schal in die Luft, wie es Fußballfans tun, die Aufschrift: "Recep Tayyip Erdoğan".

Ich bin als Journalist hier, um zu sehen, wie die Stimmung ist und was gesprochen wird. Eigentlich ein gewöhnlicher beruflicher Termin, an dessen Ende ich aber ohne Brille und mit weichen Knien vor der Mauer des Konsulats stehen werde. Ich möchte mit diesem Text erklären, was aus meiner Sicht passiert ist.

Es ist ein nassfeuchter Abend, und bis Çavuşoğlu auf die Bühne kommt, stehen wir ziemlich lange auf dem Rasen, der immer matschiger wird. Ein Moderator auf der Bühne peitscht die Leute ein: "Seid ihr bereit?", schreit er immer wieder auf Türkisch. "Ja", schallt es zurück. Dazwischen laufen türkische Popsongs, in denen Erdoğan gepriesen wird und die Türkei gefeiert. "Türkei, wir würden für dich sterben", übersetzt mir meine Kollegin die Zeile eines Liedes.

Deutsch-türkische Beziehungen - Türkischer Außenminister Çavuşoğlu tritt in Hamburg auf Weil die Behörden einen Auftritt in einer Hochzeitshalle untersagt hatten, hielt der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu seine Rede am Generalkonsulat. Die Polizei riegelte das Gelände ab. © Foto: Fabian Bimmer/Reuters

Ich arbeite als Redakteur für den Hamburg-Teil der ZEIT, einige der Anwesenden kenne ich von vorherigen Recherchen. Ich unterhalte mich mit ihnen, sie erklären mir, warum sie für das Referendum stimmen wollen. Die Türkei, sagt einer, benötige noch zehn Jahre, bis sie es sich leisten könne, wirklich demokratisch zu sein. Erdoğan brauche Macht, um das Land stark zu machen. Wir müssen uns ziemlich ins Ohr schreien, weil es so laut ist, aber die Gespräche sind freundlich und die Stimmung ist friedlich.

Dann tritt Çavuşoğlu ans Rednerpult. "Wir hätten nicht gewollt", sagt er, "dass ihr hier in der Kälte warten müsst." Aber es sei nicht seine Schuld. Offiziell war es die fehlende Brandschutzanlage einer Halle in Hamburg-Wilhelmsburg, die den Auftritt dort verhinderte. Aber der Außenminister lässt keinen Zweifel daran, dass er daran nicht glaubt.

Der türkische Außenminister spielt sich als Demokrat erster Stunde auf

Deutschland, ruft er ins Mikrofon, mische sich in die türkische Politik ein. Deutschland, sagt er, habe offenbar Angst, dass die Türkei zu stark werde, wenn das Referendum mit Ja beantwortet werde. Und, das widere ihn an: Deutschland gehe systematisch gegen die Türkei vor und unterdrücke systematisch die Deutschtürken.

Es ist ein einfacher rhetorischer Trick: Wir gegen die. Immer wieder. Er funktioniert. Die Leute rufen "Recep Tayyip Erdoğan", manche recken ihre rechte Hand in die Höhe und machen den Wolfsgruß, das Zeichen türkischer Nationalisten. Einmal will der Minister wieder ansetzen, muss aber warten, weil die Leute weiter "Allahu Akbar" schreien.

Während all das passiert, denke ich an meinen Kollegen Deniz Yücel, der in der Türkei im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri sitzt. Ich habe früher als Reporter für die taz.am wochenende gearbeitet, daher kenne ich Yücel flüchtig vom Flur. Inzwischen ist er Korrespondent der Welt und in der Türkei angeklagt wegen "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung". Dabei hat er einfach seinen Job gemacht. Allein die Untersuchungshaft kann bis zu fünf Jahre dauern. Hier, im Garten des türkischen Konsuls, spielt Deniz Yücel keine Rolle. Ich hatte nichts anderes erwartet, aber jetzt ärgert es mich. Der türkische Außenminister spielt sich als Demokrat erster Stunde auf, und die Leute hier jubeln ihm dafür auch noch zu.

Kurz entschlossen nehme ich eins der Blätter, die um mich herum in die Luft gehalten werden. "Evet Hamburg" steht darauf, Hamburg sagt Ja zum Referendum, soll das heißen. Auf die Rückseite schreibe ich: "FREE DENIZ". Ich möchte meine Meinung kundtun, zumindest still an Deniz Yücel erinnern.