Es sind 50 Minuten, die der Erdoğan-Opposition Hoffnung machen. Hoffnung darauf, dass die Demokratie in der Türkei nicht in Gefahr gerät. Dass die Nein-Wähler siegen und Präsident Recep Tayyip Erdoğan Einhalt gebieten werden. So zumindest kommt es denen vor, die sich am Sonntagnachmittag auf dem Hamburger Rathausmarkt versammelt haben, um sich stark zu machen für Demokratie, Toleranz und Respekt. Die zeigen wollen, dass nicht alle türkischstämmigen Deutschen der Reform zustimmen, die dem türkischen Präsidenten mehr Macht verleihen soll.

Can Karagül, ein 23-jähriger Hamburger mit türkischen Wurzeln hatte zum "Aufstand der Integrierten" aufgerufen. Gefolgt sind ihm etwa 60 Menschen. Eine geringe Zahl angesichts der 83.000 Deutschtürken, die im Norden leben und derzeit im Konsulat unweit der Alster abstimmen können, ob sie für oder gegen eine Verfassungsreform in der Türkei sind.     

Doch die Stimmung ist freundschaftlich, es wird geküsst und umarmt. Aus einigen Taschen lugen die königsblauen Europaflaggen hervor, Überbleibsel vom Pulse of Europe. Eine Stunde zuvor kamen Dutzende Menschen am selben Ort zusammen, um sich für ein vereintes und demokratisches Europa stark zu machen. Der Aufstand der Integrierten bleibt diesem Leitgedanken treu.

Can Karagül, der gerade sein Studium als Wirtschaftsingenieur beendet, tritt in Jeans, einem grauen Pullover und mit einem Lächeln ans Mikrofon. Hinter ihm stehen zwei Mädchen, die ein etwa fünf Meter langes Banner mit dem Titel der Veranstaltung in die Höhe halten. Er ist nervös. Mit zittriger Stimme und noch zittrigeren Händen beginnt er zu reden.

In den vergangenen Wochen sei er das Gefühl nicht losgeworden, dass sich die Gesellschaft zweiteile, sagt Karagül. Das Referendum über das Präsidialsystem in der Türkei wirke sehr polarisierend. Er sei Wahlhelfer im Konsulat an der Alster und nehme die Atmosphäre dort als sehr angespannt wahr. "Es herrscht ein Gefühl von Nervosität, Angst und auch Ungewissheit, wie es aus- und vor allem weitergeht", sagt Karagül und betont, dass er mit einem klaren Nein stimmen werde.

"Demokratische Werte werden großgeschrieben"

Für Karagül geht es auf dem Rathausmarkt aber um mehr als um ein Ja oder Nein zu einem Reformvorhaben: Er wolle ein Zeichen setzen gegen die Spaltung zwischen Deutschen und deutschen Bürgern mit türkischen Wurzeln, und gegen eine Lagerbildung von Kurden und Aleviten. Vielfalt sei eine Stärke, auf die jeder stolz sein solle, sagt er. Sein Ziel sei es, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Karagüls Stimme wird zunehmend selbstsicher. Das Publikum applaudiert. Es ist eine authentische Rede, als Zuhörer spürt man, wie wichtig ihm das alles zu sein scheint.

Europäische und auch deutsche Rechtspopulisten würden dazu neigen, Integration pauschal als gescheitert zu erklären. Er sehe das anders und sagt, dass Integration größtenteils sehr wohl gelungen sei. Allerdings müssten beide Seiten an einem Strang ziehen: Die Menschen mit Migrationshintergrund müssten die Werte, die Kultur und die deutsche Sprache erlernen. Gleichzeitig müsste die deutsche Gesellschaft sie dabei unterstützen. "Wenn ihr aus Stadtvierteln wegzieht, weil euch der Ausländeranteil zu hoch ist, macht ihr es den Vierteln nicht einfacher", sagt Karagül. Nur eine interkulturelle Beziehung zwischen Nachbarn, Freunden und Arbeitskollegen könne eine gelungene Integration ermöglichen.

Der dritten Generation, denjenigen, die in Deutschland geboren worden sind, sagt er: "Schaut doch, was dieses Land uns ermöglicht: Es gibt ein Sozialsystem, das seinesgleichen sucht, einen Rechtsstaat, der wirklich einer ist, kostenlose Bildung, mit der jeder seine Ziele erreichen kann, Religionsfreiheit, sodass jeder seine Religion ausleben kann – alle demokratischen Werte werden großgeschrieben."

Nach seiner Rede kommen andere zu Wort, zum Beispiel Amita, eine freundlich blickende junge Frau, die gesteht, dass sie den aktuellen Zustand, der nicht nur in der Türkei, sondern der ganzen Welt herrscht, gar nicht für möglich gehalten hätte. Gerade deshalb sei es sehr wichtig, dass sich Bürger mit Migrationshintergrund politisch engagierten.