Als Bülent Çiftlik den Gerichtssaal betritt, flankiert von seinen beiden Verteidigern, lächelt er einzelnen Journalisten freundlich zu. Als er ihn fast drei Stunden später wieder verlässt, ist sein Gesicht starr. Der Staatsanwalt hat in seinem Plädoyer eine lange Gefängnisstrafe für den einstigen SPD-Politiker verlangt. Für insgesamt acht Straftaten soll er drei Jahre und sechs Monate in Haft, wegen der langen Verfahrensdauer sollen ihm nur sechs Monate davon erlassen werden. Der 45-Jährige habe "erhebliche kriminelle Energie" aufgewandt, sagte der Staatsanwalt. Sollte das Hamburger Landgericht dieser Beurteilung folgen, würde Çiftlik von seiner Geschichte neun Jahre später mit voller Wucht wieder eingeholt.

Die Geschichte von Bülent Çiftlik ist die eines Absturzes von ziemlich weit oben ganz nach unten. Wie auch immer das Urteil des Landgerichtes Ende Juni ausfallen wird: Politisch ist Çiftlik längst am Ende. Obama von Altona, so wurde er einst genannt. Er galt als Hoffnungsträger; nicht nur der SPD, für die er 2008 fast aus dem Stand heraus in die Bürgerschaft einzog, sondern auch einer ganzen Generation türkischstämmiger Migranten in Hamburg, die in ihm, dem Einwanderersohn, einen Fürsprecher sahen. Doch kaum hatte er den Sitz in der Bürgerschaft, gingen die Gerüchte los.

Im Jahr 2009 wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen der Anstiftung einer sogenannten Scheinehe ermittelte. Er soll seine damalige Freundin Nicole D. dazu bewegt haben, einen Bekannten zu heiraten, damit der in Deutschland bleiben könne. Eine Tat, deren Folgen überschaubar geblieben wären, hätte Çiftlik versucht, seinen Fehler durch Aufrichtigkeit wieder aus der Welt zu schaffen. Stattdessen soll er versucht haben, ihn zu vertuschen. Je mehr er seinen Ruf als Politiker gefährdet sah, so scheint es, desto tiefer verstrickte er sich in ein Geflecht aus Lügen, Intrigen und Manipulationen.

Wegen einer Verwicklung in einen Autounfall saß er in Indien fest

Bei seinem ersten Prozess vor dem Amtsgericht St. Georg soll er Bekannte zu Falschaussagen überredet und zum Fälschen von Urkunden angestiftet haben. Auch soll er eine Software auf dem Computer von Nicole D. installieren lassen haben, mit deren Hilfe er von der E-Mail-Adresse seiner Ex-Freundin aus ihn entlastende Mails verschickte. 2010 verurteilte ihn das Amtsgericht St. Georg wegen der Scheinehe zu einer Geldstrafe von 12.000 Euro. Die SPD schmiss ihn aus der Fraktion. Das Parteibuch, das ihm die Genossen auch noch entziehen wollten, erkämpfte er sich vor Gericht zurück.

Politisch war er am Ende, doch juristisch ging die Aufarbeitung jetzt erst richtig los. Nach dem Amtsgericht war das Landgericht an der Reihe. Das verhandelte von 2012 bis 2013 bereits 16 Monate lang die vielen Vorwürfe, als der Prozess überraschend platzte – Çiftlik saß wegen der Verwicklung in einen Autounfall im Urlaub in Indien fest. Nach einer zweijährigen Pause, die ihm nun strafmindernd angerechnet wird, fing eine andere Strafkammer im Oktober 2015 wieder ganz von vorne an.

Jetzt geht der spektakuläre Fall äußerst langatmig zu Ende. Aus der abenteuerlichen Geschichte rund um enttäuschte Liebschaften, politische Intrigen und mysteriöse Ereignisse in Indien ist eine zähe Aneinanderreihung von E-Mails und anderen Schriftstücken geworden. Eineinhalb Jahre Verhandlung muss der Staatsanwalt in seinem Plädoyer zusammenfassen. Er hat sich dafür einen Beamer mit in den Gerichtssaal gebracht. Über den wirft er zwischendurch die Dokumente an die Wände von Saal 390, auf die er seine Beweisführung stützt.