Die Erwartungen an den G20-Gipfel in Hamburg waren ohnehin nie groß. Doch nach dem enttäuschenden G7-Gipfel in Taormina und vor allem dem angekündigten Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen sind sie noch einmal gesunken. Einen Monat vor Beginn der größten Politikkonferenz in der Hansestadt sehen sich die Gegner des Treffens deswegen einmal mehr in ihrer Auffassung bestätigt: Aufwand und Ertrag stehen in keinem Verhältnis zueinander.

In der Tat sind die Herausforderungen für die Stadt enorm. Um die erwarteten rund 10.000 Delegationsmitglieder, Journalisten und Servicemitarbeiter sowie den Ablauf des bedeutendsten Forums für wirtschafts- und finanzpolitische Zusammenarbeit am 7. und 8. Juli zu schützen, setzt die Polizei rund 15.000 Beamte aus dem ganzen Bundesgebiet ein.

Das Messegelände sowie Hamburgs neues Wahrzeichen Elbphilharmonie werden zu hermetisch abgeriegelten Sicherheitszonen, wenn sich die Staats- und Regierungschefs dort zu ihren Beratungen oder zu einem Arbeitsessen mit Kulturprogramm treffen. Von den Kosten des Treffens ganz zu schweigen: Bereits jetzt sieht allein der Bundeshaushalt mehr als 200 Millionen Euro dafür vor.

Der G20 gehören 19 Staaten und die Europäische Union an. Sie stehen für fast zwei Drittel der Weltbevölkerung, mehr als vier Fünftel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und drei Viertel des Welthandels. "Ich freue mich sehr darauf, die Partner der G20 in meiner Geburtsstadt Hamburg willkommen zu heißen", hatte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) noch Anfang Dezember 2016 erklärt.

Eine Aussage, die zumindest mit Blick auf US-Präsident Donald Trump merklich abgekühlt sein dürfte. Und auch in Hamburg hat Trumps Politik kaum Freunde. "Die Entscheidung des US-Präsidenten, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, ist kurzsichtig und falsch", twitterte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und seine Stellvertreterin, Katharina Fegebank (Grüne), betonte: "Die Boshaftigkeit dieser Politik ist atemberaubend."

Die Boshaftigkeit dieser Politik ist atemberaubend
Katharina Fegebank, stellvertretene Bürgermeisterin, zu Trumps Entscheidung, das Klimaabkommen aufzukündigen

Während die Offiziellen versuchen, den angerichteten Scherbenhaufen zumindest notdürftig wieder zu kitten, dürften die Gegner des G20-Gipfels jetzt dank Trumps Politik noch mehr Zuspruch erfahren. Dabei war die Mobilisierung schon wegen der Gipfelzusage weiterer Reizfiguren wie Russlands Präsident Wladimir Putin oder des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ohnehin schon enorm.

Zur Protestwelle – einem Bündnis aus Umweltverbänden, Parteien und Sozialorganisationen – am 2. Juli werden Zehntausende Demonstranten erwartet. Auf ähnliche Zahlen hofft das Bündnis Haltung zeigen mit Vertretern aus Kultur, Kirche, Politik, Sport und Gesellschaft am 8. Juli. Beiden gemein ist, dass sie nicht gegen den G20-Gipfel an sich sind, wohl aber gegen dessen Politik.

"In Hamburg haben wir Erfahrung mit Demonstrationen"

Für die Polizei vor allem interessant wird jedoch die internationale antikapitalistische Vorabenddemonstration G20 Welcome to Hell am 6. Juli, zu der bis zu 8.000 gewaltbereite Teilnehmer aus dem In- und Ausland erwartet werden. Denn die Veranstalter, die autonome Szene rund um das seit bald 30 Jahren besetzte Kulturzentrum Rote Flora, haben bereits wissen lassen: "Im Gegensatz zur bürgerlichen Opposition werden wir den Herrschenden keine Alternativen vorschlagen, um das kapitalistische System am Leben zu erhalten." Ihr Motto lautet: "G20-Gipfel blockieren, sabotieren, demontieren!" Als Vorgeschmack brannten bereits mehrere Polizeiautos in der Stadt.

Ähnlich schwierig schätzt die Polizei die vom Bundestagsabgeordneten Jan van Aken (Linke) angemeldete und vor allem vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac getragene Demonstration Grenzenlose Solidarität statt G20!am 8. Juli ein. Zum einen wegen ihrer schieren Größe, es wird mit bis zu 100.000 Teilnehmern gerechnet, zum anderen wegen ihrer Zusammensetzung.

Scholz sieht nur in Verkehrsstaus wirkliche Einschränkungen

Neben nachweislich friedvollen Parteien, Gewerkschaften, kurdischen und linken Organisationen wird die Demonstration auch von Autonomen und der Interventionistischen Linken unterstützt. Und die wiederum weigern sich auch unter Hinweis auf die Gewalttätigkeit der Herren Trump, Putin und Erdoğan bislang konsequent, mögliche Randale noch vor Beginn der Demonstration offiziell zu ächten.

"Wir wollen natürlich, dass das Leben in der Stadt an beiden Tagen so normal wie möglich bleibt", hatte Regierungssprecher Steffen Seibert bereits mehrfach betont. Scholz hat daran auch keinen Zweifel. Für ihn stellen die einzig wirklichen Einschränkungen für die Bevölkerung sowieso nur die Verkehrsstaus dar, wenn die Fahrzeugkolonnen der Staatschefs unter Polizeischutz durch die Stadt fahren.

Mit Blick auf mögliche Krawalle sagte SPD-Bundesvize Scholz kürzlich der ZEIT:Hamburg: "In Hamburg haben wir Erfahrung mit Demonstrationen – auch mit solchen, deren Anmelder den Satz 'Ich rufe alle Teilnehmer auf, friedlich zu sein' nicht über die Lippen bringen."