Der hanseatische Läufer ist eine sich rasant vermehrende Spezies mit eigener Lobby und stadtplanerischen Ambitionen. Ihr Revier ist die Außenalster. Hamburger wissen: Wenn das Röcheln und Keuchen im Nacken lauter wird, ist es ratsam, langsam weiter zu gehen und die Arme fest an den Körper zu schmiegen. In dieser Gefahrensituation wäre es fatal, erschrocken zur Seite auszuweichen oder gar stehen zu bleiben. Denn den Kampf um die Ufer haben die Jogger gewonnen – Hundehalter und Radfahrer werden geduldet, Spaziergänger flanieren auf eigene Gefahr.

Schon Florian Illies beschrieb die Läufer der Neunziger in Generation Golf als "jene Generation, die jetzt so fröhlich an der Alster entlangjoggt". Was Illies nicht ahnte: Die Nachfolgegeneration rennt nicht nur, sie perfektioniert den Alsterlauf zu einem Outdoor-Leistungsparadies.

Um auch nachts joggen können, beleuchten 40 kniehohe Lampen den Boden des einst schummrigen Westufers. Die Idee hatte 2004 ein Laufbürger, das Geld kam von Puma und den Elektrizitätswerken. Die Politik gab ihren Segen – immerhin joggt der halbe Hamburger Senat selbst um den See. 2007 schenkte die Stadt seinen Laufbürgern zwei Wasserspender. Neben der Grubenlampe sind jetzt auch Wasserflaschen überflüssig. Aber die neuen Annehmlichkeiten beflügeln nicht nur, sie machen gierig.

Aggro-Jogger

Als der Konsul von Kroatien einmal um die Alster trabte, stellte er fest, dass auf der Route verlässliche Streckenangaben fehlen. Er gewann eine Immobilienfirma als Sponsor und ließ 15 Meilensteine aus Granit errichten. Am Ende der Strecke wartet ein Trimm-dich-Parcours, entwickelt und initiiert von einem Hamburger Leichtathleten. Wo sich früher noch Kiffer und Liebespärchen versteckten, lädt heute glänzendes Edelstahl zu Klimmzügen ein.  

Aber es geht noch geiler!, dachte sich ein Hamburger Jogger und Softwareentwickler, und erfand den Blitzer. Jetzt erfassen kleine Säulen mit integrierten Zeitmessern Strecke und Leistung des Joggers. Dazu kauft der sich einen Chip und registriert sich online. Über 1.000 User sind bereits im System. Was der Blitzer so alles weiß? Frauen brauchen im Schnitt 48 Minuten um die Alster, an Montagen ist es am vollsten.

In diesen Stoßzeiten offenbaren sich die Feinbilder: Läufer gegen Hundeleinen. Läufer gegen Greise. Läufer gegen Flaneure. Im Herbst 2013 bekam diese Dominanz erstmals einen Namen: "Aggro-Jogger", getauft vom besorgten CDU-Politiker Andreas Wankum. Wenn sich Passanten wiederholt über aggressive Jogger beschwerten, dann sei es Zeit zu handeln.

Was kommt als Nächstes?

Doch statt politischer Empathie mit den Schwachen und Wehrlosen der Alstergesellschaft erntete er Unverständnis und Ignoranz. "Bei 'Aggro-Joggern' handelt es sich nicht um eine erfasste psychische Störung im Sinne der internationalen Klassifikation von Krankheiten. Inwieweit etwaig aufgetretene Verletzungen durch Aggro-Jogger verursacht wurden, ist daher nicht feststellbar", so die Antwort des Senats. 

Die Läuferlobby spottete online: Der wohlgenährte Politiker solle gefälligst selber Sport machen, anstatt die Läufer zu vergraulen. Ein viel größeres Problem, so die Community, seien Spaziergänger, die in Fünferreihen den Weg versperrten.

Wem gehört die Alster? Wankum kämpft allein, in einer Stadt, die sich einig ist: Joggen ist super. So super, dass selbst Parteikollege Sven Hielscher das Leistungsparadies noch weiter optimieren will. Hielscher denkt an Duschmöglichkeiten an der Alster. Duschmöglichkeiten!