Die angrenzende Restaurantküche bläst mit einem sonoren Ton die letzten Mittagstischgerüche in den kleinen Innenhof hinaus. An einem der Hauseingänge der Karolinenstraße 7 hängt ein Schild: 1. Stock MeditationsCenter. 2. Stock Coaching, Sessionraum, Büro und Shiatsu. Oskar ist seit Jahren nicht mehr hier gewesen. Der Efeu scheint das Haus, in dem er in den achtziger Jahren gewohnt hat, zu verschlingen. Es wittert vor sich hin.

Damals, als Oskar noch in der Karolinenstraße lebte, sah es hier anders aus: Der Innenhof war gefüllt von Männern und Frauen in roten und orangenen Gewändern. 30 bis 40 junge Menschen bewohnten das Haus. Anhänger des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh, der sich später Osho nannte. Bis heute eifern ihm in dem Gebäude einige von ihnen nach und versuchen durch Meditation bewusster zu leben — so viele wie damals aber sind es nicht mehr.

Die Sannyasins, wie sich die Bhagwan-Jünger nannten, waren in den Achtzigern Teil des Hamburger Karoviertels, einem Altbauquartier direkt am Schlachthofgelände. Angelockt wurden sie von der makrobiotischen Küche eines vegetarischen Restaurants. Im gleichen Haus befanden sich auch alternative Einrichtungen für Yoga, Aikido und Meditationsrunden. Das passte. Ein Umfeld, in dem die Sannyasins das nachahmten, was sie im über 6.000 Kilometer entfernten Indien erfahren hatten. In Poona. Dort hatte Bhagwan Shree Rajneesh seinen Ashram, ein Meditationszentrum, errichtet. Der Philosophie-Professor war überzeugt davon, 1953 spirituell erleuchtet worden zu sein.

"Meditierende, nackte Menschen unter einem Wasserfall"

Auch Oskar, der seinen wirklichen Namen nicht veröffentlichen möchte, verbrachte in den Siebzigern gut ein halbes Jahr in Indien. Was bewegte einen Hamburger Straßenjungen, wie er sich selbst bezeichnet, dazu, nach Poona zu reisen und dort den Namen Prabha anzunehmen?

Oskars Geschichte beginnt mit einer schweren und einsamen Pubertät ohne Eltern. Nachdem er das Gymnasium abbrach, besuchte er eine Hamburger Schauspielschule. Gleichzeitig sei er in die "alternative Freak-Szene" der Stadt eingetaucht, erzählt er. Sie versammelte sich in den Siebzigern in einem Hippie-Café namens Kaffeestuben am Grindelberg. Beim wahrscheinlich allerersten Café Latte der Hamburger Stadtgeschichte trafen hier haschrauchende Blumenverkäufer auf Baader-Meinhof-Sympathisanten, malaysische Drogenhändler auf Artisten, Anarchisten auf Sannyasins.

Mit 18 wurde Oskar wegen eines Hasch-Deals zu zehn Wochen Haft in einem Jugendgefängnis verurteilt, das eine gut sortierte Bibliothek besaß. Oskar las dort die alternativen Weltanschauungsmodelle des amerikanischen Schriftstellers Carlos Castaneda, aber auch den stern. In dem Wochenmagazin schrieb damals ein Journalist namens Jörg Andrees Elten über sein Seelenheil, das er im Ashram von Poona gefunden hatte. "Mich haben diese Bilder fasziniert. Meditierende, nackte Menschen unter einem Wasserfall!", sagt Oskar heute.

Kurz darauf traf er eine junge Lehrerin, die bereits in Poona gewesen war. Sie machte ihn mit der Hamburger Sannyasin-Szene bekannt. "Erst war es noch suspekt, aber die schönen Menschen hoben sich ab von der grauen, deutschen Konventionalität. Das war schon attraktiv", erinnert sich Oskar. Er wollte unbedingt zur Quelle — nach Poona. Eine weitere Motivation war der Bandscheibenvorfall, der ihn plagte. Er war sich sicher, dass die spirituelle, alternative Lebensweise ihn heilen würde.