Ein Samstagnachmittag zwischen Karoviertel und Schanze. Im Saal des Musikclubs Knust drängeln sich 60 Leute um ein Architekturmodell des Bunkers auf dem Heiligengeistfeld. Auf dem Dach thront ein grüner Aufbau. "Das ist ein hässlicher Spinatklops, den ihr da draufsetzen wollt!", ruft ein Mittvierziger mit Hornbrille. Die Stimmung im Raum ist aufgeheizt.

Dass das Projekt auf dem Nazi-Flakturm "geschichtsvergessen" sei, dass keiner aus dem Stadtteil informiert wurde: Die acht Frauen und Männer, die zur Infoveranstaltung über das spektakuläre Projekt namens Hilldegarden eingeladen haben, müssen sich einiges anhören. Dabei waren sie vorher in der Stadt mit Lob überschüttet worden. In St. Pauli aber gelten andere Regeln. Mathias Müller-Using, Gründer der Werbeagentur Nordpol, präsentiert das Projekt. Auch anwesend ist einer der beiden Architekten, die den Entwurf entwickelt haben. Beide Architekten arbeiten für Agenturen, in denen Müller-Using Geschäftsführer  ist. Dass der Garten doch bloß das Projekt einer Agentur-Unternehmensgruppe sei, die sich als Anwohnerinitiative tarnt, will die Hilldegarden-Gruppe aber nicht auf sich sitzen lassen: "Ich bin genauso Anwohnerin wie ihr", wendet eine Frau ein. Sie hätten sich lange überlegt, "wann wir mit dem Projekt nach draußen gehen". Empörtes Kopfschütteln im Saal. Drinnen die Entwickler, draußen das staunende Publikum? So etwas kommt bei manchen hier im Viertel gar nicht gut an.

Ganz Hamburg schien die Idee zu lieben, als sie im Oktober präsentiert wurde. "Irrer Plan für Pauli-Bunker", jubelte die Mopo, auch das Hamburger Abendblatt widmete ihm die Titelseite. Stänkern hier also bloß linke Wutbürger gegen etwas, das ihre alternative Viertel-Heimeligkeit bedroht? Oder ist an ihren Vorwürfen etwas dran?

Ein Besuch bei den Hilldegarden-Kritikern: Kasia K. und Alexander M. sitzen eingemummelt unter dem Vordach eines Wohnmobils in einer Baulücke der Großen Freiheit und trinken Minze-Fenchel-Tee. Selbst gezogen natürlich, in einer der Pflanzkisten, die hier stehen. Ihre vollen Namen wollen sie nicht nennen. Gartendeck heißt ihr Kollektiv, gemeinsam mit zwei anderen sogenannten Urban-Gardening- Initiativen hat die Gruppe eine scharfe Erklärung zu den Bunkerplänen verfasst. Ein gutes Jahr hätten die Hilldegarden-Macher im Geheimen gearbeitet, heißt es darin. Die Akzeptanz der Anwohner-Initiativen brauche es wohl nur, um dem lukrativen Aufbau im Viertel beliebt zu machen.

Und wenn schon: Ist der Bunker nicht eine großartige Gelegenheit? Eine elegante Möglichkeit, klobige Naziarchitektur umzuwandeln, etwas Lebendiges zu schaffen? Die Pläne sehen einen Stadtgarten vor, der quasi schon unten beginnt, neben der U-Bahn-Station Feldstraße. Eine bepflanzte Rampe, 300 Meter lang, soll hinauf führen. Oben sind Grünflächen geplant und Cafés. Einen Kultursaal soll es geben, dazu Probebühnen und ein Gästehaus für Künstler. Und dieser Blick über die Stadt. Was kann man dagegen schon einwenden?

Kasia, studierte Umweltwissenschaftlerin, erzählt von einem Termin, den die Initiatoren des Gartendecks und der Initiative Keimzelle aus dem Karoviertel unlängst bei Andy Grote haben sollten, dem Bezirksamtsleiter Mitte. Seit Jahren streiten sie für öffentliche Flächen für Urban Gardening. Kurz vor dem Treffen habe Grote abgesagt. "Die Begründung war, dass da demnächst etwas ganz Großes käme", sagt Kasia. Das ganz Große war das Bunkerprojekt. Sie fühlen sich ausgebootet von Planern, für die das Gärtnern nichts als grüner Schmuck sei.

Das sieht der Nordpol-Mitgründer Mathias Müller-Using anders. "Wir haben dieselben Ziele", sagt er. "Auch wir wollen öffentlich nutzbare Grünflächen in der Innenstadt schaffen." Mit seiner Mitstreiterin Sonja Brier, einer Filmemacherin, sitzt er im hölzernen "Planungscontainer" an der Bunker-Einfahrt. Warum haben sie die Initiativen nicht vorher eingebunden? "Wir haben alle aus dem Stadtteil gleichzeitig informiert", sagt Brier, "zur ersten Infoveranstaltung waren alle eingeladen, Bewohner und Initiativen gleichermaßen."