Anfang der Achtziger kam der Punk zu mir. Ich war etwa elf Jahre alt und wohnte im gemütlich-bürgerlichen Hamburger Speckgürtel, in Wedel. Und plötzlich saßen sie vor unserer Bäckerei: Junge Männer und Frauen mit grünen Haarkämmen und Dosenbier in der Hand. 

Zu viel für meine Großmutter. Ungestört hatte sie bis dahin mit ihren Rentnerfreunden zusammengesessen, Kännchenkaffee getrunken und Bienenstich gegessen. Jetzt begegnen ihnen Iros, unter denen es pöbelte, schnorrte und provozierte. Meine Oma übersprang die Empörung und gelangte direkt zur Fassungslosigkeit.

In mir riefen die Punks irgendetwas zwischen Faszination und Irritation hervor. Es war mein kleiner Ausschnitt einer Szene, die rund 20 Kilometer weiter östlich in der Hamburger Innenstadt damals schon zum Alltag gehörte.

Wäre ich damals schon öfter allein nach St. Pauli oder in die Innenstadt gefahren, hätte ich wohl früher Bekanntschaft mit durchs Wangenfleisch gestochenen Sicherheitsnadeln gemacht. Ich hätte mich nicht jedes Mal erschrocken, wenn mich einer der Punks mit "Haste mal 'ne Mark?" anschnorrte. Da ich nun aber zu dieser Zeit erst zwölf war, bin ich heute auf Augenzeugen angewiesen, um zu erklären, was mich Anfang der Achtziger so angezogen hat. 

Einer, der damals mitten in der aufkeimenden hanseatischen Punk-Szene lebte und sie entscheidend voranbrachte, ist Klaus Maeck. Ich treffe ihn in dem von ihm mitgegründeten Musikverlag Freibank im Portugiesenviertel. Ein hagerer, zurückhaltender Mann Anfang 60, der auch als Filmproduzent arbeitet. Unter anderem an Fraktus und Soulkitchen hat er mitgewirkt. Er trägt Strickjacke und macht es sich auf einem Sofa bequem. Leise aber bestimmt redet er von einer lauten, unkonventionellen Zeit. Er trug damals Lederjacke und eine schwarzhaarige Spike-Frisur.

Zu spät geboren, um ein echter 68er zu werden, lebte der anarchistisch denkende Maeck lange zwischen Strömungen aus K-Gruppen, Späthippies, RAF-Sympathisanten und Landkommunen. Eine richtige Identifikation fand er mit keiner dieser Szenen. Das gelang ihm erst, als Mitte der Siebziger der Punk nach Hamburg kam.

Es ist schwer, diese Bewegung, Kultur, Musik oder was auch immer Punk noch alles ist oder war, kurz und vollständig zu erfassen. Was ihm auf jeden Fall zugrunde lag: eine diffuse Wut auf Konventionen, Institutionen und gesellschaftliche Normen.

Die Ursprünge der Punk-Bewegung gehen zurück in die Arbeiterstadtteile Londons der Mittsiebziger. In eine Zeit, geprägt von Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrisen und Klassendenken. Mit zerschnittener Kleidung, versehen mit Aufnähern und Nieten, schrien hier Bewohner ihren Frust heraus. Ein Impuls, den junge Menschen in vielen Ländern aufgriffen. Aus den Subkulturen Englands und der USA entstanden wenig später die ersten Punk-Bands, etwa die Sex-Pistols, The Clash oder die Ramones.

"Nicht nur die Musik hat mich begeistert, sondern auch das Motto der Punk-Bewegung", sagt Klaus Maeck. "Du musstest nicht spielen können, du musstest dich nur auf eine Bühne stellen und schreien." Wie viele Akkorde dabei herauskamen, spielte keine Rolle. Dieser Gegensatz zu den "Bombastgruppen der kommerziellen Plattenindustrie" wie Genesis und Pink Floyd habe ihn angezogen, erzählt Maeck.