Ein Freitagabend vor der Tabak-Börse: Rund 150 Leute stehen an der Ecke Grüner Jäger/Thadenstraße auf St. Pauli, in der einen Hand eine Flasche Bier oder einen Longdrink, in der anderen eine Zigarette. Es ist laut. Stimmen und Menschen wuseln durcheinander. Festival-Stimmung. Junge Leute mit Turnbeuteln, Röhrenjeans und bunten Nike-Schuhen belagern die Straße, die Fußwege, die Bordsteine. In der Kurve sitzen ein paar Jungs auf ihren Skateboards.

Die Kreuzung am Grünen Jäger ist keine beliebige Straßenecke. Sie ist Szenespot. Corner nennen die Besucher die Ecke, sie hängen nicht einfach nur herum, sondern sie cornern. Ein Begriff, den sie der New Yorker Bronx entnommen haben. Dort, wo sich in den Achtzigern die Hip-Hop-Kultur entwickelte. Zentrale Schauplätze waren Straßenecken. Rivalisierende Breakdance-Crews trafen sich an ihnen, um sich zu messen.

"Ist doch viel besser hier als in irgendeiner Bar", sagt Niko und nimmt einen Schluck aus seiner Astra-Flasche. In schwarzer Lederjacke und dunkelblauer Jeans steht er in einer Gruppe von fünf Leuten. Niko arbeitet als politischer Berater für eine dänische Firma. Es ist nicht so, dass er sich die Preise in den Bars nicht leisten könnte. "Aber warum sollte ich doppelt so viel für ein Astra ausgeben, wenn hier alles stimmt?", fragt er.

Freitagabend muss man am Kiosk anstehen

Von der Ecke zur Corner wurde die Kreuzung im Schanzenviertel vor sechs Jahren. 2009 musste die Tabak Börse, der zentrale Eck-Kiosk, Beim Grünen Jäger 1, vorübergehend raus. Der Eigentümer der Immobilie kündigte allen Mietern, ließ das Gebäude komplett sanieren und aufstocken. Als Ausweichquartier bot die Immobilienfirma der Tabak Börse einen Container an. Drei Sommer lang stand der Kiosk-Container auf der Grünfläche gegenüber, erhöht auf einem Holzpodest mit Bänken, niedrigen Tischen, Sonnenschirm und Toilettenhäuschen. Der perfekte Spot, um zu cornern.

Seit Herbst 2011 ist die Tabak Börse wieder im alten Gebäude. Und das ist um einiges schicker als vorher: Die Fassade ist komplett verglast, über dem Kassentresen hängen große Lampen aus dunklem Metall, an den Wänden rechts und links ein Surfbrett. An einem Freitagabend muss man hier anstehen, um sein Getränk zu bezahlen.

Gewandelt hat sich auch das Publikum, das zum Kiosk-Bier vorbeikommt. "Früher haben sich hier eher die Leute aus der Gegend getroffen", sagt Marco Magri. Seit 15 Jahren wohnt er in der Wohlwillstraße, von der Tabak Börse aus 50 Meter Richtung Reeperbahn. Auf dem Highway zwischen Schanze und Kiez kommt er an zwei weiteren Kiosken vorbei: an Pauli Point und Ezgi Market. Marco Magri sitzt gerne auf der Bank vor dem Pauli Point. Auch er wurde vor Kurzem renoviert. Jetzt hängt eine Discokugel mitten im Raum, an einer goldenen Kette. 

Er finde es gut, wenn die Straßen belebt seien, sagt Magri. Allerdings werde es ihm in letzter Zeit manchmal zu laut, besonders unter der Woche. "Muss man denn so rumschreien?", fragt er. Außerdem nervten ihn die Touristen, die in die Vorgärten pinkelten. Das Wohnen an der Corner habe schon "einen gewissen Nerv-Faktor". Er müsse seinen Fernseher ganz schön laut aufdrehen, damit er nicht ständig höre, wie unten Flaschen auf dem Asphalt zerklirrten.