Kein Blick nach links, kein Blick nach rechts, als ein Fahrradfahrer auf die Ost-West-Straße einbiegt. Kein Autofahrer hupt wütend, der Radschnellweg hat Vorfahrt. Es ist das Jahr 2025 und private Fahrzeuge sieht man in der Fahrradstadt Hamburg ohnehin nur noch selten auf den Straßen. Den Alltag erledigen die Stadtbewohner mit dem Rad, für Einkäufe holen sie sich ein Lastenrad aus der nächsten StadtRAD-Station – so stellt sich Dirk Lau, Pressesprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs Hamburg (ADFC), die ideale Fahrradstadt vor.    

Fahrradstadt, mit diesem Titel will der neue Senat Hamburg schmücken. Er hat den Veloverkehr zum Investitionsschwerpunkt erhoben: 30 Millionen Euro will er ausgeben, um das marode Radwegenetz zu sanieren. Zusammen mit mehr Radparkplätzen, einem Ausbau des StadtRAD-Systems und Fahrradkoordinatoren in den Bezirken soll das immer mehr Hamburger dazu bewegen, aufs Rad umzusteigen.

Ein Vorhaben, das der ADFC begrüßt. Die Vorstellungen, wie und wann es umgesetzt werden soll, gehen indes auseinander: Im Laufe der "zwanziger Jahre", so heißt es im Koalitionsvertrag, solle sich der Anteil des Radverkehr auf Hamburgs Straßen auf 25 Prozent verdoppeln. Eine zu unverbindliche Zielsetzung, findet Lau. "Das muss die Koalition in dieser Legislaturperiode gar nicht mehr einlösen", sagt er. 

Schon 2007 wurde eine Radverkehrsstrategie formuliert

Lau ist skeptisch gegenüber den Versprechen – viele Ideen im Vertrag würden durch Formulierungen wie "wo möglich und sinnvoll" relativiert, genaue Zeitpläne für die meisten Vorhaben gebe es nicht. Ein Umstand, der an sich nichts Ungewöhnliches ist für einen Koalitionsvertrag, in Hamburg steht die Förderung des Radverkehrs allerdings schon lange auf der Agenda, ohne dass grundlegend etwas passiert ist. Schon 2007 wurde eine Radverkehrsstrategie für Hamburg formuliert, mit umfangreichen Maßnahmen. Die Regierungsparteien SPD und Grüne bekunden nun, diese weiterverfolgen zu wollen, konkret genannt werden sie in ihrem Koalitionsvertrag jedoch nicht. 

"Wir müssen erst einmal wissen, welche Planungen in den Schubladen existieren", sagt Martin Bill, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen in der Bürgerschaft, und spricht von einigen Monaten, in denen man entscheiden werde, was genau zu tun sei. Wenn man hinzurechnet, dass es von der Entscheidung bis zur Fertigstellung nicht selten fünf Jahre dauert, bis ein Radweg fertig wird, könnte es eng werden mit den angepeilten 50 Kilometern, die pro Jahr neu hergerichtet werden sollen.

Es wäre jedoch falsch zu behaupten, dass die Stadt in nächster Zeit gar nichts tue: Insgesamt 71 Kilometer Radwege seien bereits für die Jahre 2015 und 2016 bewilligt und geplant, heißt es vonseiten der Wirtschaftsbehörde. Beispielsweise sollen die Radverkehrsführung auf der Veloroute 2 in Eimsbüttel verbessert und die Wege in der Jenfelder Allee in Wandsbek verbreitert werden, ist dem Fortschrittsbericht 2013 zu entnehmen. Zudem erweitert die Stadt massiv das rote Leihfahrradsystem: 70 neue Stationen sollen bis zum Jahresende entstehen.