Der Start in das neue Semester beginnt an der Leuphana Universität in Lüneburg bei Hamburg auf den ersten Blick etwas holprig: Für eine Gruppe von Studienanfängern gibt es erst nicht genügend Anmeldeformulare, dann ist auch noch der gebuchte Seminarraum für die Einführungsveranstaltung zu klein. Für Jonas Bannert vom AStA der Universität kein Grund, sich zu ärgern. 

Ganz im Gegenteil: Während die Gruppe mit Stühlen in der Hand in einen größeren Raum umzieht, freut sich der 24-Jährige über die rege Teilnahme an der Veranstaltung, die in Lüneburg gleichzeitig eine Premiere ist. Bei den Studienanfängern handelt es sich um 35 Flüchtlinge aus nahegelegenen Unterkünften, die in den kommenden Monaten mit der Unterstützung von Studierenden als Gasthörer in den Hörsälen sitzen sollen. "Auch wenn es ein bisschen chaotisch ist, ich bin froh, dass wir schon in diesem Semester starten können", sagt Bannert.

Auch Ali Hussein freut sich, acht Monate nach seiner Flucht wieder an der Uni zu sein. In seiner pakistanischen Heimat hatte der 27-Jährige Physik und Chemie studiert und war zunehmend frustriert darüber, in Deutschland weder sein Studium fortsetzen noch arbeiten gehen zu können. "Mir ist besonders wichtig, dass ich durch den Besuch der Vorlesungen mein Gehirn in Betrieb halte", erklärt Hussein. So wie ihm geht es vielen hier: In der Regel dauert es 15 Monate, bis ein in Deutschland geduldeter Flüchtling arbeiten darf.

"Bei der Universität haben wir offene Türen eingerannt"

In den ersten drei Monaten nach Beginn des Asylverfahrens ist die Aufnahme einer Arbeit ganz verboten. Für Studenten und Akademiker kommt hinzu, dass die Aufnahme oder Fortsetzung eines Studiums aufgrund fehlender oder nicht anerkannter Dokumente sehr schwierig ist. "Flüchtlinge leben am Rand der Gesellschaft und verkümmern ohne Aufgabe in den Unterkünften. Das ist für die meisten sehr frustrierend", erklärt Bannert, der sich beim AStA im Antirassismusreferat engagiert. Mit dem Projekt wolle man eine Willkommenskultur schaffen und auch bei den anderen Studierenden ein größeres Bewusstsein für die Lage der Flüchtlinge schaffen.

"Bei der Universität haben wir damit offene Türen eingerannt", sagt Bannert. Nur so sei es überhaupt möglich gewesen, das Projekt in nur drei Wochen auf die Beine zu stellen. Unterstützt werden die Studierenden zusätzlich von der Willkommensinitiative Lüneburg, die Flüchtlingen vor Ort Hilfe anbietet. "Es ist nur schade, dass im Rahmen der Gasthörerschaft keine Prüfungen abgelegt werden können", so Bannert weiter. Konkret bedeutet das für die Flüchtlinge, dass sie durch das Engagement zwar am akademischen Leben teilnehmen und kostenfrei Vorlesungen besuchen können, ein Abschluss oder Zertifikat ihnen aber verwehrt bleibt.

Das Programm in Lüneburg bietet dennoch mehr als soziale Kontakte und Zeitvertreib bis zur Entscheidung über den Asylantrag: Die Mehrheit der Flüchtlings-Gasthörer will das Semester nutzen, um Deutsch zu lernen. "Ich muss nicht nur gut Deutsch sprechen, damit ich mich verständigen kann, sondern auch damit ich eine Arbeit finde oder vielleicht sogar etwas im Bereich IT studieren kann", erzählt der 30-jährige Hasan Jeylami.