Will ein Obdachloser in Hamburg über Nacht ein Dach über dem Kopf, geht er üblicherweise ins Pik As. Die städtische Notunterkunft für obdachlose Männer liegt zudem zentral, in der Neustadt. Doch inzwischen ist das Bett für die Nacht nicht mehr sicher – im Pik As werden Schutzsuchende abgewiesen. 91 Menschen erging es in der ersten Maihälfte so.

Der Grund sei eine neue Brandschutzverordnung, heißt es aus der Verwaltung. Laut ihr dürfen nur noch 260 Menschen im Pik As übernachten. Früher waren es manchmal doppelt so viele. Wer weggeschickt wird, kann sein Glück bei der Bahnhofsmission versuchen. Allein an Ostern standen dort 50 Obdachlose vor der Tür, die nicht wussten, wohin. Aber viel mehr als ein warmes Getränk und mit Glück einen Schlafsack bekommt man hier derzeit auch nicht.

"Wir können den Hilfesuchenden nichts anbieten", sagt Axel Mangat, der Leiter der Bahnhofsmission. Früher hätten seine Sozialarbeiter sie ins Pik As geschickt. Aber da kommen sie ja jetzt her. Die Obdachlosen seien zunehmend frustriert und fühlten sich alleingelassen, sagt Mangat.

Tatsächlich ist die Not zwischen Pik As und Bahnhofsmission nur ein Ausschnitt dessen, was sich derzeit auf Hamburgs Straßen abspielt. Nur ein Teil der Tragödie. Immer mehr Menschen schlafen unter Brücken, in Parks oder Hauseingängen. Die Diakonie schätzt ihre Zahl inzwischen auf mindestens 2.000 und warnt, ihre Situation habe sich "weiter stark verschlechtert". Sozialarbeiter beklagen eine "zugespitzte Lage" und reden von einer "neuen Qualität", Hilfseinrichtungen melden "völlige Überlastung". Auch Ksenija Bekeris, sozialpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion, sieht "dringenden Handlungsbedarf".

Die Unterbringung in Hotels und Pensionen steigt rapide

Dabei war absehbar, dass es soweit kommen würde: Seit Jahren gelingt es der Stadt nicht, die Situation zu entspannen. Schon 2013 errechnete die Sozialbehörde, dass mehr als 700 neue Unterkunftsplätze für Wohnungslose her müssten. Im März 2014 räumte sie gegenüber der Bürgerschaft ein, dass es ihr nicht gelungen war, sie zu schaffen. Zu groß war die Not, die ankommenden Asylbewerber ordnungsgemäß unterzubringen. Die Behörde kündigte an, diese Situation nun verbessern zu wollen. Nach einem weiteren Jahr steht nun allerdings fest: Kein einziger Unterkunftsplatz für Wohnungslose ist hinzugekommen, es leben sogar etwa 100 weniger in den öffentlichen Unterkünften als vor zwölf Monaten.

Dafür steigt die Zahl derer, die die Behörde notgedrungen in Hotels und Pensionen unterbringt, rapide an: 400 sind es inzwischen, fünfmal so viele wie noch 2013. Auf diese Weise bringt die Stadt die Wohnungslosen unter, bei denen sie eine Gefährdung von Leib und Leben befürchtet, sollten sie im Freien schlafen müssen. "Typischerweise zählen Schwangerschaften dazu, aber auch schwere Erkrankungen oder Behinderungen", erklärt Sozialbehördensprecher Marcel Schweitzer die Kriterien für das Auswahlverfahren. Dass alle Obdachlosen grundsätzlich einer solchen Gefahr ausgesetzt sind und deswegen einen Anspruch auf eine Unterkunft hätten, diese auch unter Juristen durchaus verbreitete Auffassung teilt die Behörde erklärtermaßen nicht.

"Was soll man dazu sagen?", sagt Stephan Nagel, Armutsbeauftragter beim Diakonischen Werk. Seit vielen Jahren streitet er mit der Stadt um den richtigen Umgang mit Obdachlosen. Dass sie nun bekennt, Obdachlosigkeit an sich nicht für lebensgefährlich zu halten, ist für ihn "erschütternd".

Nagel und seine Mitstreiter aus dem Hamburger Aktionsbündnis gegen Wohnungsnot haben auf die aktuell schwierige Lage reagiert. Verlangten sie früher für jeden Obdachlosen eine eigene Wohnung, sind sie inzwischen kleinlauter geworden und fordern allgemeiner für alle eine Notunterkunft, wenigstens ein Bett. "Das ist der Verzweiflung geschuldet", sagt er.

Stephan Nagels Erklärung der Misere, die von eigentlich allen Beteiligten in dieser Sache geteilt wird, geht so: Weil Vermieter sich angesichts des angespannten Wohnungsmarktes stets die solventesten Bewerber herauspicken, haben "besonders Benachteiligte" das Nachsehen. Sie sollen übergangsweise Obdach in den öffentlichen Unterkünften der Stadt finden. Doch die sind überfüllt, weil ihre 2.529 Bewohner dauerhaft keine normale Wohnung finden.