In der Grundschule am Pachthof prallen Raum und Zeit aufeinander. Wo unter der Woche Kinder das Alphabet lernen, tippeln nun Damen in Korsetts und Reifröcken mit Schnürstiefeletten über die Wege. Die Rüstung eines fahrenden Ritters aus dem Mittelalter klappert rhythmisch bei jedem Schritt, den er sich auf der Schulwiese vorwärts bewegt. Ein Ork, der direkt aus Tolkiens Herr der Ringe nach Horn gereist zu sein scheint, posiert nahe dem dunklen Rotklinkerbau für die Besucher.

Björn, wie der Ork im richtigen Leben heißt, lebt in Hamburg und ist schon seit Jahren Stammgast auf der Nordcon. "Ich genieße einfach die Atmosphäre und treffe hier viele bekannte Gesichter", sagt der Logistiker. Bereits zum 19. Mal versammelten sich Fantasy- und Spielbegeisterte am vergangenen Wochenende in Hamburg.

Organisiert wird das Treffen von den Rollenspielvereinen Die Loge und Tornesch 94. Bis zu 6.000 Menschen kommen jährlich zusammen und würfeln in Brettspielrunden um die Wette, erzählen in Pen-&-Paper-Rollenspielrunden von Abenteuern oder schieben Miniatur-Armeen über plakatgroße Spielwelten.

"Europas größtes freies Event für fantastische Spiele und Literatur"

"Wir hatten von Anfang an die Idee, alle möglichen Spielformen mit einzubinden", sagt Carsten Praefcke, der die zahlreichen Helfer als verantwortlicher Organisator koordiniert. Seit Freitagfrüh fährt er Transporter, baut Zelte auf und richtet Räume her. Viel Schlaf bekommt Praefcke dieses Wochenende nicht.

Die Nordcon ist nach eigenen Angaben "Europas größtes freies Event für fantastische Spiele und Literatur" – und wird dabei komplett ehrenamtlich gestemmt. Seit Weihnachten hat Tornesch-94-Mitglied Praefcke mit Ausstellern telefoniert. Er hat Workshops, Lesungen und Turniere organisiert.

Jeder verfügbare Raum der Grundschule in Horn ist an diesem Juni-Wochenende belegt. Die Flure sind gefüllt mit Marktständen, die 20-seitige Würfel, Regelwerke für Das Schwarze Auge, Pathfinder und andere Rollenspielwelten verkaufen. Dicht an dicht beugen sich die Besucher über die Auslage, pubertierende Jungs, junge Frauen, ältere Herren.

"Die deutsche Szene ist sehr lebendig", sagt Werner Fuchs. Der 65-jährige gilt als einer der Urväter des deutschen Pen-&-Paper-Rollenspiels und entwickelte in den Achtzigern Das Schwarze Auge mit. Beim Pen-&-Paper-Spiel nehmen Mitwirkende fiktive Rollen ein und versetzen sich gemeinsam in ein Abenteuer. Sie entwickeln es durch ihre Erzählungen weiter, dabei machen sie sich immer wieder Notizen.  

Wie viele Menschen in Deutschland regelmäßig auf diese Art miteinander spielen, ist unbekannt. Schätzungen zufolge sind es Hunderttausende. In beinahe jeder Stadt gibt es Vereine, die sich verschiedenen Arten dieses Spiels verschrieben haben – in Hamburg mindestens vier.  "Da schafft man mit minimalem Aufwand ein Maximum an Unterhaltung", sagt Werner Fuchs.