Der Hamburger Hauptbahnhof am Samstag: Tausende Gegendemonstranten erwarten die Rechtsradikalen. © Benjamin Laufer

Dafür, dass der Hamburger Hauptbahnhof gerade mehrere Stunden lahmgelegt war, ist Rüdiger Carstens sehr entspannt. Der Sprecher der Bundespolizei zieht um 14 Uhr ein erstes Einsatzfazit: "Wir hatten ein paar kleine Scharmützel mit linken Demonstranten, aber das wars", sagt er. Die Polizei habe die Lage im Griff.

Hinter ihm rollen wieder Züge in den Bahnhof, auf der Ostseite des Gebäudes werden die letzten Redebeiträge vom Lautsprecherwagen des Bündnisses gegen Rechts vorgelesen. Man könnte den Eindruck haben, es wäre weiter nichts Besonderes passiert am Hamburger Hauptbahnhof, dem meistfrequentierten Bahnhof Deutschlands.

Tatsächlich war dieser Samstag aber wohl der außergewöhnlichste seit Langem hier. Das Hamburger Bündnis gegen Rechts hatte für 10 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz zur Demonstration gegen den "Tag der Patrioten" aufgerufen, obwohl die Polizei die rechtsextreme Versammlung verboten hatte. Noch am Vorabend hatte auch das Bundesverfassungsgericht dieses Verbot bestätigt. Das Bündnis aus mehr als 600 Gruppen feierte das als Erfolg, wollte trotzdem in Hamburg demonstrieren. Tausende folgten dem Aufruf und versammelten sich.

Zunächst blieb es friedlich, doch schon bald eskalierte die Situation. Mehrere Hundert Demonstranten stiegen am Samstagvormittag in Züge in Richtung Bremen, nachdem bekannt geworden war, dass Hooligans und Neonazis sich ersatzweise dort versammeln wollten.

Um kurz vor elf entdecken einige Autonome auf dem Weg dorthin mutmaßlich rechte Hooligans in einem Zug Richtung Flensburg, warfen Steine, Flaschen und Pyrotechnik auf die Waggons – bis die Polizei dazwischenging. In dem angegriffenen Zug saßen auch Flüchtlinge, die auf der Durchreise in Richtung Norden waren.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt ist die Situation am Hauptbahnhof über Stunden vor allem eines: unübersichtlich. Der Zugverkehr wird zunächst teilweise, dann komplett eingestellt. Auf den Bahnsteigen stellen sich reihenweise Polizeibeamte in Schutzausrüstung auf, unter die Reisenden mischen sich viele Hundert Demonstranten. Immer wieder ertönen Sprechchöre. Die Polizei errichtet Kontrollpunkte und löst sie wieder auf. Es ist ein ewiges Hin und Her.

Gleichzeitig laufen Tausende Demonstranten, die mit dem Bündnis gegen Rechts in die Innenstadt gezogen waren, wieder auf den Bahnhof zu. Ein Gerücht macht die Runde: Mit einem Zug aus Rostock seien Neonazis auf dem Weg nach Hamburg. Polizeisprecher Carstens sagt später, dass seine Kollegen einen Zug kurz vor dem Hauptbahnhof gestoppt hätten. Auch sie hätten Hinweise gehabt, dass Rechte darin gesessen hätten. "Die waren aber nicht mehr im Zug, als wir eintrafen", sagt Carstens. "Sie sind vermutlich ins Stadtgebiet verschwunden." Über die Lautsprecheranlage im Bahnhof versucht ein Sprecher daraufhin, die Menge zu beruhigen: "Es ist nicht damit zu rechnen, dass dieses Klientel den Hauptbahnhof erreicht."

Doch dann waren sie doch da: 34 Neonazis, die im Bahnhof "Linke provoziert und angegriffen haben", wie der Polizeisprecher sagt. Sie werden eingekesselt und im nördlichen Teil des Bahnhofs separiert. Lange weiß die Polizei nicht, wie sie die Rechtsextremen unbeschadet aus dem Bahnhof bekommen soll. Denn hinter den Polizeiketten stehen Tausende, die die Rechten am liebsten höchstpersönlich aus der Stadt vertreiben würden.

Auch vor dem Bahnhof bleibt die Lage unübersichtlich. Die Polizei fährt Wasserwerfer auf und empfiehlt Unbeteiligten, das Weite zu suchen. Doch fast alle bleiben. Autonome und Gewerkschafter, Linksradikale und Schulklassen. Durch diese Menge Neonazis eskortieren? Kaum vorstellbar für die Beamten.


Schließlich fährt eine S-Bahn in den Bahnhof ein, mit der Polizisten die Neonazis in Richtung Gefangenensammelstelle abtransportieren. Begleitet wird ihre Abfahrt von Schmähgesängen, die durch die Bahnhofshalle schallen. Die Botschaft ist eindeutig: Nazis sind hier nicht willkommen.

Dann beruhigt sich die Lage wieder. Polizisten beschränken sich aufs Beobachten, linke Demonstranten sitzen entspannt in der Sonne auf dem Hachmannplatz. Man könnte meinen, es wäre weiter nichts passiert.