Bassam Arici hat gelernt, mit wenig Schlaf auszukommen. Seit gut einem Monat lebt der irakische Flüchtling in Deutschland, untergebracht ist er in einem Zeltlager in Hamburg-Jenfeld. Durchgeschlafen, sagt er, habe er noch keine Nacht. Erst waren es der Lärm und die Unruhe, die ihn hinderten. Als er sich daran gewöhnt hatte, fiel die Heizung aus. Nachts sind die Temperaturen im Zelt wie draußen: knapp über dem Gefrierpunkt. Oft schrecke er aus dem Halbschlaf hoch, weil er so stark zittere, sagt Arici, der in diesem Text nicht mit seinem wahren Namen auftauchen möchte. Gerade haben ihm die Handwerker gesagt, dass es noch gut zwei Wochen dauern dürfte, bis alle neuen Heizungsrohre verlegt seien.

Der Winter kommt, aber immer noch leben in Deutschland Zehntausende Flüchtlinge in Zelten. In Hamburg sind es rund 4.000. Nicht alle haben so viel Pech wie Arici. Viele der Zelte sind beheizbar, haben Doppelwände und festen Boden. Oft werden Bundeswehrzelte eingesetzt, die auch die klirrende Kälte Afghanistans aushalten. Nicht dass das gemütlich wäre: Die Flüchtlinge schlafen trotzdem auf engem Raum auf Pritschen und wer nachts auf Toilette muss, der muss sich rausquälen und durch die Kälte zum Sanitärcontainer. Aber immerhin: Es ist warm.

In Aricis Camp in Hamburg hingegen kennt jeder Flüchtling ein deutsches Wort: kalt. "Kalt, kalt, kalt", sagt der Iraker, der ansonsten gutes Englisch spricht, immer wieder. Der 30-Jährige teilt sich sein Zelt mit 13 anderen jungen Männern aus Irak, Syrien, Afghanistan und Iran. Sie haben die Betten an die Wände gerückt, damit in der Mitte Platz zum Sitzen ist. Der Holzboden ist mit Pappe und Bettlaken ausgelegt. "Meine Idee, so ist es wärmer", sagt Arici und grinst. Trotzdem, wer fünf Minuten ohne Schuhe im Wohnzimmer der Männer steht, hat kalte Füße. Die Zeltplane ist dünn, sie isoliert kaum, eine feuchte Kälte hängt im Zelt.

In dem Zeltlager in Hamburg-Jenfeld kennt jeder Flüchtling ein deutsches Wort: kalt. © Anonym

Einige der Männer in Aricis Zelt dösen den ganzen Tag unter Wolldecken auf ihren Pritschen. Arici sagt, so kühle der Körper nur immer weiter aus. Besser sei es, sich zu bewegen. Deshalb läuft er mit zwei Freunden durchs Camp, in dem rund 750 Flüchtlinge leben, jeden Tag, immer im Kreis. Heute wollen sie sich neue Decken besorgen, also gehen sie zu einem der Container und stellen sich in eine rund zehn Meter lange Schlange. Vor ihnen stehen Frauen mit Kindern im Arm, Männer in zu engen Trainingshosen, die Füße in Badelatschen. Alle zittern, Nasen laufen, die Gesichter sind oft fahl. Ein Familienvater fordert mehr Decken für seine Kinder, aber er wird abgewiesen: "Du bist schon abgekreuzt", sagt der Mann im Container auf Deutsch, obwohl der Vater ihn kaum verstehen wird. Arici und seine Freunde sind noch nicht abgekreuzt, mit ihren Decken laufen sie weiter zu den Toiletten.

Vor den Sanitärcontainern treffen die drei Männer einen iranischen Freund, der gleich anfängt zu schimpfen, als er hört, dass ein Reporter dabei ist. Zehn Toilettencontainer gebe es im Camp eigentlich, sagt der Mann. Aber seit Wochen seien nur vier funktionstüchtig: zwei für die Frauen, zwei für die Männer. Den Toiletten und Duschen sieht man das an, sie sind völlig verdreckt. Dann zeigt der Iraner auf eine Reihe blauer Container: "Die Toiletten da sind abgeschlossen", sagt er, "das sind die First-Class-Klos fürs Personal". Er habe gesehen, wie die Deutschen ihre Hunde behandelten, sagt der Iraner: "Deutlich besser als uns hier." Er verstehe nicht, warum Angela Merkel die Grenzen aufmache, wenn es doch offenbar keinen Platz für Flüchtlinge mehr gebe.

Die Männer rufen bald wild durcheinander, jeder will seine Kritik vorbringen. Vor einigen Tagen haben sie eine spontane Demonstration im Camp organisiert, ein gutes Dutzend Männer zog klatschend und singend zwischen den Zelten entlang, wie man auf Handy-Videos sehen kann. Tatsächlich, sagt Arici, richtete sich der Protest vor allem gegen einen Mitarbeiter der Hamburger Gesellschaft Fördern & Wohnen, die Träger der Flüchtlingscamps ist. Der Mann sei Iraner und er bevorzuge seine Landsleute, wenn es darum gehe, sie aus Jenfeld wegzubringen, in bessere Unterkünfte. Gerüchte sind das, kaum haltbar, aber sie sorgen für Wut. Einige seiner Freunde seien seit zwei Monaten hier, schimpft Arici, während manche Iraner nach wenigen Tagen in eine andere Einrichtung dürften.

Ihren Unmut an prominenterer Stelle kundgetan haben am Dienstag etwa Hundert Flüchtlinge aus einer anderen Unterkunft der Stadt: Sie versammelten sich auf dem Hamburger Rathausmarkt und protestierten gegen nicht beheizte Zelte. Dabei hielten sie Transparente hoch, auf denen "Uns ist kalt" und "Bitte helft uns" stand.