"Eine Art Weltgewissen" nannte Henry A. Kissinger seinen mit 96 Jahren verstorbenen Freund Helmut Schmidt. Der aus Fürth stammende ehemalige US-Außenminister war neben Kanzlerin Angela Merkel und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz einer von drei Rednern auf dem Staatsakt zu Ehren des Ex-Kanzlers. Kissinger hielt seine Rede auf Deutsch. Seine vorbereitete und hier dokumentierte Rede weicht gelegentlich vom gesprochenen Wort ab.


Im Jahre 2012 dankte ich Helmut für einen Artikel, den er mir geschickt hatte. Ein Schlüsselsatz in meinem Brief lautete: "Unsere lange Freundschaft ist ein Pfeiler in meinem Leben."

Sechs Jahrzehnte lang haben wir beide zusammen nachgedacht – in unserer Regierungszeit und in späteren Jahren, als wir uns noch öfter rund um die Welt trafen, um unsere Gedanken auszutauschen. Wir haben uns zu Hause besucht, wir haben Reden aufeinander gehalten. Helmut war der Laudator, als meine Heimatstadt Fürth mich ehrte.

Bei seinem 90. Geburtstag, den die ZEIT in Hamburg ausrichtete, erwähnte ich, dass ich als kleiner Junge nie zu erträumen gewagt hätte, eines Tages mit einem deutschen Kanzler Geburtstag zu feiern. Noch weniger konnte ich damals ahnen, dass man mit vier Schachteln Zigaretten und zehn Coca Cola am Tag fast Unsterblichkeit erringen könne.

Im Laufe der Zeit kamen andere Freunde dazu: der Premier von Singapur Lee Kuan Yew und der frühere US-Außenminister George Shultz.

Es fiele mir schwer, Ihnen heute hier im Michel das Wesen dieser tiefen Freundschaft zu beschreiben. Auch nach sechzig Jahren waren Helmut und ich nicht zum vertrauten "Du" übergegangen. In den Akten finden sich keine Briefe, die Worte der Zuneigung von Mensch zu Mensch enthalten hätten. Helmut ist nie weitergegangen, als in seiner nüchternen Art zu konstatieren: "Wir vier können uns aufeinander verlassen, weil keiner von uns dem anderen je etwas sagen würde, was nicht die absolute Wahrheit ist."

Das, meine Damen und Herren, war das Besondere an Helmut Schmidt. Er hat seinen Beruf als den eines praktizierenden Politikers angegeben. Nur: Sein Verständnis von Politik ging weit über das tägliche politische Handwerk hinaus. Er war breiter gebildet als die meisten deutschen Spitzenpolitiker der Nachkriegszeit. Am Klavier war er so virtuos, dass er mit dem London Symphony ein Mozart-Konzert geben konnte.

Sein Weg in die Politik war fast dem Zufall geschuldet. Seine erste Liebe waren Architektur und Stadtplanung. Hätte er am Ende des Krieges die Geldmittel für ein so aufwändiges Studium gehabt, hätte er seine außergewöhnlichen Energien und Talente dem Wiederaufbau der zerstörten deutschen Städte gewidmet. So kam es, dass Helmut die Ökonomie wählte – das Studium, das sich am leichtesten finanzieren ließ.

Helmut lebte in der Übergangszeit:

- zwischen Deutschlands Vergangenheit als besetztes und geteiltes Land und seiner Zukunft als stärkste europäische Nation;

- zwischen Deutschlands geradezu zwanghafter Sorge um seine Sicherheit im Kalten Krieg und dem Willen, eine globale Wirtschaftsordnung mit aufzubauen;

- zwischen der späten Hinwendung von Helmuts Sozialdemokratischer Partei zum Atlantischen Bündnis und der Suche nach einer blocküberwölbenden Friedensordnung in Europa.

Helmut sah sich in der Pflicht, sein Land aus dem Gestern in eine Welt zu führen, die Deutschland nie gekannt hatte. Die wichtigsten Qualitäten eines Staatsmannes sind Vision und Mut: Vision, um der Stagnation entgegenzuwirken; Mut, um das Staatsschiff durch unbekannte Gewässer zu steuern.