Mark Spörrle © Vera Tammen

Guten Morgen,

lag es am warmen, die Sinne verwirrenden Wetter, lag es am unhaltbaren Drang aufzuklären? Als sich in der dritten Klasse einer Wandsbeker Grundschule unter den Kindern die typische Diskussion entspann, ob denn der Weihnachtsmann oder das Christkind die Geschenke bringe und wie das überhaupt zu schaffen sei – da sprach die Lehrerin Tacheles: Es gebe weder Christkind noch Weihnachtsmann, gab sie den schockierten Kleinen mit auf den Heimweg, und sie sollten das ihren Eltern auch sagen.

Die Eltern, war zu hören, hätten doch lieber selbst entschieden, wann, wie und ob überhaupt sie das ihren Kindern beibrächten.

Ich begrüße Sie zur letzten Elbvertiefung (nicht der anderen!) in diesem Jahr. Ab morgen gehen wir in die Feiertagspause, suchen einen neuen, fähigeren Meteorologen und sind zurück am Montag, dem 4. Januar. Aber zuerst noch unsere Themen aus Hamburg.

Taylers Tod eine "Mischung aus individuellem Versagen und strukturellen Problemen"

Seit Tagen beschäftigt und berührt die Stadt der Tod eines Kindes – und die Frage, ob das Jugendamt versagt hat: Der einjährige Tayler starb an Kopfverletzungen, weil er vermutlich zu heftig geschüttelt worden war. Zuvor hatte Tayler bereits einen Schlüsselbeinbruch erlitten und war in eine Pflegefamilie gekommen, wurde aber, weil sich eine Misshandlung nicht nachweisen ließ, der leiblichen Mutter zurückgegeben. Heute soll der Obduktionsbericht vorgestellt werden. Drei Fragen an Michael Lezius, Experte für Kinderschutz, Gründer der Yagmur-Gedächtnisstiftung und selbst Vater zweier Pflegekinder.

Herr Lezius, wer trägt die Schuld am Tod von Tayler?
Was genau passiert ist, wissen wir noch nicht. Trotzdem: Fälle wie dieser weisen auf eine Mischung aus individuellem Versagen und strukturellen Problemen hin. Vor allem darauf, dass viele Sozialarbeiter noch immer konträr zu den Hamburger Kinderschutzbestimmungen arbeiten, wonach Kindes- vor Elternwohl steht.

Warum ist das so?
Die Stabilisierung der biologischen Eltern steht häufig noch im Vordergrund, vor allem weil die Einstellung, dass das Kind zur leiblichen Mutter gehört, noch tief verwurzelt ist. Das hat auch mit deutscher Geschichte zu tun: Im "Dritten Reich" nahmen die Nationalsozialisten Kinder gewaltsam aus Familien. Natürlich will kein Jugendamt in solch eine Ecke gerückt werden. Aber wenn es um das Wohl eines Kindes geht, brauchen die Mitarbeiter an dieser Stelle mehr Selbstbewusstsein.

Was müsste sich ändern in Hamburg, damit kein Kind mehr durch Misshandlungen stirbt?
Ich fordere von Sozialsenatorin Melanie Leonhard unter anderem die weitere Aufstockung der Mitarbeiter beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD). In Hamburg passieren Todesfälle auch immer wieder, weil die Sozialarbeiter überlastet sind, sie zwischen 70 und 80 Familien betreuen. In Stuttgart sind es zum Beispiel nur 20. Aber auch ein Weiterbildungsprogramm für Führungskräfte im sozialen Dienst fände ich wichtig: Coaching, Supervision – um besser einschätzen zu können, ob Eltern wirklich gut für ihr Kind sorgen oder ob sie es nur behaupten.

Großsiedlungen für Flüchtlinge – oder Verdichtung in den Vierteln?

Die geplanten Siedlungen für Flüchtlinge in sieben Bezirken spalten die Stadt: Für die CDU sind sie "Ghettos" und überflüssig – auch weil viele Flüchtlinge laut Christdemokraten ohnehin nicht bleiben dürfen. Die CDU verlangt vom Senat, auf eigene Siedlungen zu verzichten: Sie wünscht sich, dass bestehende Wohngebäude aufgestockt werden und Wohnraum "verdichtet" wird. Auch eine Bürgerinitiative in Neugraben-Fischbek schreibt in einem Brief: "Eine Massenunterbringung ist kontraproduktiv! Sie führt zu einer Spaltung des Stadtteils." In der aktuellen ZEIT:Hamburg prüfen wir die Fakten genauer: Frank Drieschner, Sebastian Kempkens und Christoph Twickel sprachen unter anderem mit dem Kieler Migrationsforscher Vassilis Tsianos, der vor einer Dramatisierung warnt: Die räumliche Segregation von Migranten sei schon immer Merkmal der europäischen Stadt gewesen. "Zunächst unter sich zu leben muss nicht schlecht sein", sagt Tsianos. "Das kann wie ein Schutzraum wirken. In einem Stadtteil zu wohnen, wo du als Migrant immer eine Minderheit, der Frem­de bist, kann viel eher Ausgrenzung und Stereotypisierung produzieren." Hat Tsianos recht? Fördert nicht doch eher die gezielte Durchmischung Integration? Mehr dazu und zur Unterbringung von Flüchtlingen in Hamburg lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT.

Die Rückkehr der CC-Hacker

Kleinstadt, die nur aus Computerkennern besteht: Zwischen den Jahren treffen sich in Hamburg zum "Chaos Communication Congress" 12.000 Angehörige der Hackerszene. Um über aktuelle Themen zu debattieren – und um netzpolitisch auf das Jahr 2015 zurückzublicken: "2015 war ein ziemlich düsteres Jahr für das freie Internet", findet Alvar Freude, Softwareentwickler, politischer Berater und Vortragsredner beim Kongress. Besonders der NSA-Untersuchungsausschuss beschäftigte Freude im vergangenen Jahr. "Ich würde mir aber wünschen, dass die Debatte auf noch mehr Interesse der breiten Masse gestoßen wäre. Ähnliches gilt auch für die Vorratsdatenspeicherung." Freude hält auf dem Kongress einen Vortrag zu Jugendschutzfiltern; im Moment werden Alterskennzeichnungen von Inhalten im Internet diskutiert. "Ich sehe die Gefahr, dass dadurch Freiheit im Netz eingeschränkt wird, wenn im Internet ähnliche Kennzeichnungen angewandt werden wie etwa bei Computerspielen oder beim Fernsehen." Schon heute seien bestimmte E-Books aus Gründen des Jugendschutzes erst ab 22 Uhr zu kaufen. "Das ist komplett unsinnig – stellen Sie sich vor, manche Teile der ZEIT wären nur abends zugänglich."

Weihnachten für Einsame, Obdachlose, Stammgäste

Bei aller Freude über das Fest: Weihnachten ist so stark auf Harmonie, Liebe, Familie getrimmt, dass der Gedanke an Einsamkeit vielen unerträglich scheint. Umso wichtiger, dass es Initiativen für Menschen gibt, die niemanden zum Feiern haben – die Bahnhofsmission etwa bietet am 24. Dezember Weihnachtsfeiern für insgesamt 150 Menschen an: "Für Einsame, Obdachlose, Junge, Alte, Stammgäste", sagt Axel Mangat, Leiter der Mission. "Aber auch einfach für Menschen, die neugierig sind." Da immer nur 30 Besucher in den Raum passen, hat jede einzelne Weihnachtsgesellschaft lediglich eine Dreiviertelstunde Zeit für Kaffeetrinken, Weihnachtslieder und Weihnachtsgeschichte. Das erinnert spontan an Massenabfertigung. "Darum geht es nicht", sagt Mangat. "Wir machen Weihnachten durch die Kurzfassung für viele auch ein Stück erträglicher. Weil einem das Alleinsein an diesem Familienfeiertag eben besonders stark vor Augen geführt wird." Finanziert wird die Aktion seit Jahren durch Crowdfunding. Der Kuchen ist auch diesmal bereits gekauft, die Geschenke sind eingepackt, obwohl Mangat für die Finanzierung im Moment noch 349 Euro fehlen (hier der Link zur Spendenseite). Und wenn das Geld nicht zusammenkommt? Mangat überlegt und sagt dann: "Ich bin der Überzeugung, dass es klappt. Es ist doch Weihnachten!" 

Weihnachtspakete: Es ist noch nicht zu spät!

Haben Sie bis zum letzten Moment am Fotoalbum für Oma Elise gebastelt, erst gestern Abend die ultimative Krawatte für den besten Freund gefunden – und das muss jetzt noch nach Bielefeld oder Fürstenfeldbruck – also unmöglich? Nein! Sie müssen sich jetzt nur sehr beeilen. Zwar beschwerten sich erst wieder Leser über unerträgliche Wartezeiten in Postfilialen, zwar waren die Tücken des Postwesens schon öfter Thema meiner Kolumne "Warum funktioniert das nicht?" in der ZEIT:Hamburg. Aber wer bis heute um 10 Uhr seine Pakete und Briefe in einer der größeren Filialen in Hamburg – sprich: allen Postbank-Finanzzentren – abgibt, kann auch ohne teuren Expressversand davon ausgehen, dass die Weihnachtsüberraschung noch pünktlich ankommt. "Das ist höchstwahrscheinlich", präzisiert Post-Sprecher Martin Grundler, eine hundertprozentige Garantie könne die Post aber nicht geben. Der Grund: "logistische Unberechenbarkeiten. Schließlich kann es etwa sein, dass noch eine Schneefront durch Deutschland wandert", sagt Grundler.

Wir werden diesem Mann den vakanten Job unseres Meteorologen anbieten.

Mittagstisch

Pizza mit Schnickschnack

Zum Italiener im Portugiesen-Viertel gehen, das klingt vielleicht kontraintuitiv, lohnt sich aber: Bei Luigi’s speist man unter leicht kitschigem Hamburg-Schnickschnack mit mediterranem Hauch. Die Mittagskarte ist bestechend günstig, eine üppig belegte Pizza gibt es ab vier Euro. Es empfiehlt sich, einen Tisch zu reservieren! Luigi’s Hamburg, Ditmar-Koel-Straße 21

Dagmar Becker

Was geht

Konzert: Wollen Sie sich noch ein bisschen mehr in Festtagsstimmung bringen? Seit fast 20 Jahren existiert Vocallegro, das Männervocalensemble der Hauptkirche Sankt Nikolai – heute singt der Chor englische Christmas Carols, aber auch deutsche Weihnachtslieder, dazu gibt es weihnachtliche Erzählungen. Hauptkirche St. Nikolai, Harvestehuder Weg 118, 19 Uhr

Kindertheater: "Mit elf gibt es nichts Schlimmeres als Freunde, die dieselben Süßigkeiten mögen", findet die Hauptfigur von Cornelia Funkes Roman "Geisterritter". Das Thalia bringt die Geschichte über Freundschaften, nette und gruselige Geister als Familienstück für alle ab 10 Jahren auf die Bühne. Thalia Theater, Alstertor 1, 14 Uhr

Kino: Wenn man im Kreis der Familie erstickt: Der Film "Die Fremde" mit Sibel Kekilli erzählt von einer jungen türkischen Frau, die gegen tradierte Konventionen für ihre Selbstbestimmung kämpft. Metropolis, Kleine Theaterstraße 10, 17 Uhr

Was kommt

"Der kleine Lord", "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", "Kevin allein zu Haus" –  ja, weihnachtliche Fernsehrituale gehören zu den Festtagen. Wer aber doch mal ein bisschen Abwechslung braucht, dem sei empfohlen: "Der Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel. Von der krude-surrealen Comedy-Serie um einen Mann, der in Hamburger Wohnungen mit Schrubber und Putzmitteln anrückt, weil andere gerade für immer gegangen sind, gibt es beim NDR sechs neue Folgen online.

Hamburger Schnack

Mein Mann erzählt in die Runde: "Wir haben gerade in Konzertkarten investiert: Adele, Cro für unseren Sohn. Und Cure kommen nächstes Jahr auch." Darauf die Dame am Tisch gegenüber interessiert: "Ach ja, Pur mögen wir auch so gerne." Tiefes Entsetzen bei meinem Mann: "Ich sagte doch nicht Pur, sondern The Cure!""Kenn ich nicht."

Gehört auf einer Party von Alexandra Höß

Meine Stadt

Das war sie wieder, die Elbvertiefung. Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, wissen Sie etwas, über das wir unbedingt berichten sollten? Wollen Sie uns Schnack berichten oder Fotos zukommen lassen? Schreiben Sie uns: elbvertiefung@zeit.de

Mein Team und ich wünschen Ihnen erholsame Feiertage – lassen Sie es sich gut gehen.

Wir lesen uns am Montag, dem 4. Januar, wieder, wenn Sie mögen!

Ihr

Mark Spörrle

 

PS: Gefällt Ihnen unser Letter, leiten Sie ihn gern weiter. Haben Sie ihn weitergeleitet bekommen, melden Sie sich ganz einfach und unverbindlich an unterwww.zeit.de/elbvertiefung. Dann schicken wir Ihnen die neue Elbvertiefung, solange Sie wollen, immer montags bis freitags ab 6 Uhr